Seelengewitter
Dass fast alle von vornherein verloren sind, wird schnell klar. Ausstatterin Annemarie Woods, die 2011 (mit anderem Regiepartner) zwei wichtige Nachwuchspreise gewann, lässt den Figuren kaum Raum für Entfaltung – weder in ihrer zwischen Surrealismus und Expressionismus schwankenden Bühne noch in ihren historisierenden Kostümen, die das Stück ins frühe 20. Jahrhundert versetzen. Die Botschaft ist klar: Nur wer im Kopf frei genug ist, entkommt der kleinbürgerlichen Enge – und Kabanicha, die in ihrem Sonntagsstaat unüberwindbar im windschiefen Haus ihres Sohnes thront.
Als wär’s ein von Edvard Munch bebilderter Ibsen oder Strindberg, versucht Regisseur Alessandro Talevi, die psychologischen Zusammenhänge bloßzulegen. Katja scheitert hier zwar auch an ihrem Umfeld, aber vor allem, weil ihre auf tiefe Religiosität gegründete Moral es ihr verwehrt, sich der glücklosen Ehe mit Tichon zu entziehen. Schon vor dem Ehebruch versehrt sie sich sorgend. Während der gefallene Engel Katja nach dem Seitensprung zerbricht, hat die bigotte Schwiegermutter ihre Vorwürfe längst selbst kompromittiert, indem sie Dikoj lust- und schmerzvoll zugeritten hat.
Immer wieder bietet die Inszenierung Bilder in ...
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