Risse im Kokon
Ein «Siegfried» in brutto viereinhalb Stunden, das ist rekordverdächtig – und am Teatro Massimo in Palermo sowohl Ärgernis als auch Grund zur Freude. Ein Ärgernis deshalb, weil Pausen von nur zweimal zwanzig Minuten einen Wagner-Abend nicht kürzer, sondern länger wirken lassen. Dass so etwas kein nebensächliches organisatorisches Detail ist, belegt die eher kühle Reaktion des italienischen Publikums am Ende der besuchten Vorstellung.
Den Grund zur Freude liefert das Dirigat von Stefan Anton Reck, der den dritten Teil des «Ring» in raschen Tempi angeht.
Der ehemalige (von 1999 bis 2003) Musikchef des Hauses entfacht von Beginn an theatralen Feueratem, ohne zu überhasten oder die Sänger zuzudecken. Im Gegenteil: An seiner Deutung erstaunt gerade, wie sehr sie sich neben dem Sinn für das Dramatische auch den Sinn für das Poetische des Stücks bewahrt. Lyrik und Rhetorik, Klang und Struktur erscheinen hier nicht – wie so oft – als unvereinbare Gegensätze. Reck entwickelt mit dem souverän agierenden Hausorchester eine atmosphärisch genau abschattierte Erzählung, die sich von der dunklen Verlorenheit des ersten Akts über das sanft einfallende Licht des zweiten bis zur surrealen ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Michael Stallknecht
Endlich wieder ein Skandal an der Pariser Oper! Es ist erfrischend. Gelacht wird in der Aufführung, gerufen und geheult, so laut, dass der sonst so gelassene Philippe Jordan den Zuschauerraum um Ruhe bitten muss, damit man wenigstens das (von Christophe Grindel betörend schön gespielte) Englischhornsolo hören kann. Seit den Gerard Mortier-Jahren haben wir eine...
«Begeisterung»? Zu wenig. Auch mit «Fanatismus, Enthusiasmus» komme man nicht weiter. Der Neffe versicherte dem Onkel, «dass keiner dieser Begriffe das Entzücken ausdrücken kann, das diese Musik erregt hat». Nun dürfte der Neffe nicht sonderlich objektiv gewesen sein: Vincenzo Bellini selbst war der Absender, und der Brief kreiste um seine gerade uraufgeführte Oper...
Auf das 24-Stunden-Spektakel hat er inzwischen keine Lust mehr. Alle vier «Ring»-Teile am Stück, zuletzt beim erfolgreichen China-Gastspiel im Herbst riskiert, das zehrt. Und trotzdem: Wagners Tetralogie, mit der einst alles begann im Dorf unterm Kranzhorn, bleibt das Rückgrat der Tiroler Festspiele. «Ich wäre doch ein idiotischer Intendant, wenn ich nicht darauf...
