Reif für frische Impulse
Auf große Überraschungen muss man sicherlich nicht gefasst sein, wenn man im Frühsommer die beiden Händelfestspiele in Göttingen und Halle besucht. Alles verläuft in vertrauten, wohlgeordneten Bahnen. Immer stehen beide Festivals unter einem Thema (Göttingen: «Macht und Ohnmacht» / Halle: «Triumph von Zeit und Wahrheit»), und stets bilden die Opernaufführungen das Zentrum der Ereignisse. Angereichert wird das Programm mit (oft marathonartigen) Oratorium-Konzerten, Raritäten und «Ausgrabungen», garniert mit unzähligen Rahmenveranstaltungen.
Was zunehmend fehlt, sind geistreiche, erfinderische Ansätze der Händel-Rezeption heute.
Vor allem, seit etliche Opernhäuser das Barockrepertoire als kassentauglichen Stoff für sich entdeckt haben und oft spannende Inszenierungen Händel’scher Opern bieten, sind die Festspiele zusehends ins Hintertreffen geraten. Zwar hat man in Göttingen den traditionell eher museal-historischen Aufführungstil ad acta gelegt, die diesjährige «Giulio Cesare»-Inszenierung von Igor Folwill wirkte über weite Strecken dann aber doch wie eine feierlich-langatmige, emotionslose Stehoper. Zumal auch die Stadthalle als Spielstätte trotz aller ...
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Dass die Ansprüche des heutigen Publikums an die Oper als Kunstform höchst divergent zwischen Belcanto-Kulinarik und theatraler Wahrhaftigkeit changieren, ist bekannt. Bei Aufführungen von Barockopern allerdings ist diese Divergenz noch stärker ausgeprägt. Freunde des Regietheaters erwarten von Händel- oder Monteverdi-Vorstellungen ein Feuerwerk origineller...
In der Operette «Wiener Blut», deren Musik nach Stücken von Johann Strauß zusammengeschustert wurde, geht es um das, was der Titel verspricht: «Wienerblut, eigner Saft, voller Kraft, voller Glut». Damit richtig deutlich werden kann, was damit gemeint ist, bedarf es eines Kontrastes, eines Blutes gewissermaßen, das ganz und gar nicht wienerisch ist und in Wien...
An couleur locale wird in diesem «Cardillac» nicht gespart: Kaum eine Gelegenheit lässt die Produktion der Bastille-Oper aus, um daran zu erinnern, dass Paul Hindemiths 1926 uraufgeführte Krimi-Oper nach Hoffmanns «Fräulein von Scuderi» in Paris spielt. Immer wieder eröffnen sich Ausblicke auf den Eiffelturm, und die Ergreifung des mörderischen Goldschmieds im...
