Rätselhaft anrührend
In der Berliner Staatsoper sieht man fast nur noch belanglos-dekorative Produktionen. Im Alten Orchesterprobensaal dagegen, Ort für kleinere Projekte, schießt man oft übers Ziel hinaus: Hier wird auf eine Weise experimentiert, dass man sich vor allem mit Rätseln konfrontiert sieht, mit einem Überschuss an Absichten, die szenisch selten genügend Schlagkraft entwickeln.
Anlässlich seiner Barocktage hatte das Haus nun bei der Multimedia-Künstlerin Letizia Renzini im Zusammenhang mit der Berliner Premiere von Alessandro Scarlattis (an der koproduzierenden Opéra national de Paris bereits gezeigtem) «Il primo omicidio» eine Arbeit zu dem Komponisten in Auftrag gegeben: «Love, you son of a bitch». Tatsächlich gibt es von Scarlatti eine Kantate, in der die Liebe als Hurensohn bezeichnet wird, quasi als Prolog zu einer Klage über unerwiderte Gefühle. Das Übliche also. Und üblich ist auch, was Renzini als Thema ihres Projekts benennt: Liebe in Zeiten des Kapitalismus, des quantifizierten, um Optimierung bestrebten Selbst, der marktförmigen Erotik – Topoi, die Eva Illouz in ihren Büchern um einiges intensiver bearbeitet hat, als es einem gut einstündigen Musiktheaterprojekt möglich ist.
Betra ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Panorama, Seite 32
von Peter Uehling
Nach gut einer Stunde wird das erste Schwefelhölzchen gezündet, und auf einmal ist alles anders. Warmes Licht fällt auf die Szene, die sonst wie vor Kälte erstarrt, und auf der Bühne des Zürcher Opernhauses wird es lebendig. Als wäre das «kleine, arme Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen» einen «Ritsch» lang eine Heilige, so wird es von einer Schar auf...
Frau Pluhar, vor vier Jahren haben Sie in Utrecht «Dido and Aeneas» von Henry Purcell dirigiert, eine ziemlich schräge halbszenische Aufführung. Dürfen die Besucher im Schlosstheater Schwetzingen Ähnliches erwarten?
Damals gab es lediglich eine konzertante Aufführung. Es freut mich natürlich, dass unsere zugegebenermaßen unkonventionelle Interpretation von «Dido...
Als Zeitreise durch die Aufführungsgeschichte des «Fidelio» hatte Paul-Georg Dittrich Beethovens Befreiungsdrama 2018 am Theater Bremen auf die Bühne gebracht. Acht historische Inszenierungen ließen der Regisseur und die Bühnenbildnerin Lena Schmid in einem musealen Guckkasten wiederauferstehen. Von der Wiener Uraufführung (1814) spannte sich der Bilderbogen über...
