Radikal pessimistisch
Der Herr ist unsichtbar. Aber man kann ihn hören. Ihn und seinen in g-Moll gefassten Ingrimm. Denn Gott ist außer sich vor Zorn. Und lässt nun diesem freien apokalyptischen Lauf.
Während auf Dirk Beckers unwirtlicher Bühne, die im Verlauf des Abends aus schlichtweißen Resopaltischen immer wieder raffinierte Konstellationen kreiert (Laufsteg, Küche, Verhörraum, Abendtafel, Kreuz), Nebelkerzen dampfen und Lichterblitze giftig zucken, herrscht im Graben, wo Giuliano Betta den entfesselten Advokaten der göttlichen Instanz gibt, ein orchestraler Furor, der in seinen fiebrigen Ausschlägen den ganzen Saal erschüttert. Streicher jaulen im Diskant, das Holz schlägt Fortissimo-Funken, und so harsch donnern die (Wort-) Salven von Chor und Blechbläsern über uns hinweg, dass man den Jüngsten Tag in Reichweite wähnt. Der Effekt dieser musikalischen Offenbarung ist enorm. Dennoch bleibt eine bange Frage: Wie bitte gelangte das «Dies irae» aus Giuseppe Verdis «Requiem» ans Ende des dritten Akts seiner Oper «La forza del destino»?
Die heftig sich ausbreitende thymotische Energie, so die These des Regisseurs Michael Schulz, ist das logische Resultat humaner Verirrung. Soeben hat das Volk den ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Viereinhalb Jahrhunderte – wer vermag eine solche Zeitspanne zu fassen, mit lebendiger Geschichte zu füllen? Die Staatskapelle Berlin feiert 2020 den 450. Jahrestag ihrer ersten Erwähnung. Als Kurbrandenburgische Hofkantorei bzw. Hofkapelle wurde sie im 16. Jahrhundert ins Leben gerufen, mit einer größeren Anzahl von Sängern und einer weit geringeren an...
Der Skandal war unüberhörbar, damals, vor neun Jahren. Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Glinkas «Ruslan und Ljudmila» am Bolschoi Theater führte im Saal zu tumultartigen Szenen. Fast in jeder Vorstellung gab es lautstarke Zwischenrufe; man warf dem russischen Regisseur vor, das Werk in abscheulicher Weise verunstaltet zu haben. Kurzum: Das Volk im Parkett und...
Von den vier geistlichen Oratorien, die Antonio Vivaldi nachweislich komponierte, ist nur die Musik zu dem Oratorium sacrum militare «Juditha triumphans» erhalten. Das Werk entstand 1716, wahrscheinlich zur Feier des Sieges venezianischer Streitkräfte über das osmanische Heer auf der strategisch wichtigen Insel Korfu. Das lateinische Libretto des Juristen Giacomo...
