Radikal individuell

Das Berliner Festival Maerzmusik widmet sich der Frage nach der Zeit und präsentiert erstmals eine Komposition von Gérard Grisey

Die Zeit, versprach einst Gilbert Bécaud, nehme alle Probleme fort und löse sie auf.

Doch welche Zeit meinte er eigentlich? Die auf der Uhr ablesbare objektive? Oder die subjektive, die sich nicht nach Stunden und Tagen bemessen lässt? Das Berliner Festival Maerzmusik, wo man für gewöhnlich Originalität mit Aktualität verwechselt und noch immer an eine Neue Musik im emphatischen Sinne glaubt – was zur Folge hat, dass bei diesem Festival die größten zeitgenössischen Komponisten grundsätzlich ignoriert werden – ausgerechnet Maerzmusik drang jetzt einmal zu Wesentlichem vor: Das «Festival für Zeitfragen» widmete sich der Frage nach der Zeit.

Konferenzen und Lesegruppen thematisierten die seit einigen Jahrtausenden herrschende lineare Zeit, die eine Metaphysik der Präsenz heraufgeführt hat, der wir Christentum und Kapitalismus verdanken, Aufklärung und Wissenschaft und nicht zuletzt die moderne Kunst. Gerade der auf den Paradigmen Fortschritt, Novität, Befreiung beharrende Avantgardismus ist ohne das teleologisch normierte Zeitverständnis undenkbar. Die unter dem Desiderat Decolonizing Time geführten Diskurse mündeten daher etwas überraschend, aber unweigerlich in den Ruf nach einer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Magazin, Seite 83
von Volker Tarnow

Weitere Beiträge
Was kommt...

SABINE DEVIEILHE
Als «Königin der Nacht» macht sie schwer Eindruck, so sprühend, leicht und virtuos fliegt sie in höchste Höhen. Doch besteht das Repertoire der jungen französischen Koloratursopranistin nicht nur aus Partien Mozarts. Auch in den Opern Debussys, Delibes’ und Poulencs ist sie zu Hause. Ein Gespräch

ALBERTO GINASTERA
Sein Name, sein Werk ist nur...

Zuckerfrei

Wer würde schon hinter Wörtern wie Opium oder Parfüm die Titel musikalischer Anthologien erahnen? Oder gar ein «Konzept» hinter dem Wort «Heimat», das Benjamin Appl für seine Debüt-CD bei Sony  gewählt hat. Auf die Frage, um welche Heimat es geht, geben die 25 Lieder deutscher, französischer, englischer und eines norwegischen Komponisten 1003 Antworten. Es gehe...

Turnübungen

Für sein Janáček-Projekt «Das schlaue Füchslein» war der junge Brüsseler Regisseur Christophe Coppens (er zeichnet auch für die Kostüme und, zusammen mit einem Architektenteam, für die Bühnenherrichtung) auf eine aktuelle Ausweichspielstätte des renovierungsbedürftigen Stammhauses verwiesen. Die Bezeichnung «Palais Tour & Taxis» klingt zwar klassisch-feudal, aber...