Radikal ehrlich
Schöne, neue Welt? Mitnichten. Die Welt, die Clemens Meyer in seinem wort- und bildmächtigen Leipzig-Roman «Im Stein» beschreibt und in die er so tief eintaucht, dass man das Gefühl hat, er würde ganz und gar darin verschwinden, ist eher eine Unter-Welt, ein trostloser Ort, an dem die zwischenmenschlichen Beziehungen heruntergebrochen sind auf jenes Verhältnis, das Bernard-Marie Koltès in seinem fulminanten (leider heute kaum mehr gespielten) Theaterstück «In der Einsamkeit der Baumwollfelder» mit allergrößter Schonungslosigkeit offenlegt: da der Dealer, dort der Kunde.
Und ein erhebliches Misstrauen zwischen ihnen.
Liebe gibt es in dieser «Welt» nur in ihrer käuflichen Variante, für Sentimentalitäten ist kaum Platz, höchstens heimlich. Das ist mehr Hölle als Paradies. Aber es klingt nicht danach. Jedenfalls nicht in dem Musiktheater, das Sara Glojnarić auf der Grundlage des Romans (und nach langen Zweifeln, ob diese Höllenerdenfahrt überhaupt in Töne zu fassen sei) komponiert hat. Glojnarić zeichnet darin das Porträt einer urbanen Gesellschaft nach dem Scheitern aller großen Utopien, aber sie tut es mit jenem Augenzwinkern, das vielen Opern, die sich in die Untiefen der ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Porträt, Seite 60
von Jürgen otten
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