Radikal ehrlich
Schöne, neue Welt? Mitnichten. Die Welt, die Clemens Meyer in seinem wort- und bildmächtigen Leipzig-Roman «Im Stein» beschreibt und in die er so tief eintaucht, dass man das Gefühl hat, er würde ganz und gar darin verschwinden, ist eher eine Unter-Welt, ein trostloser Ort, an dem die zwischenmenschlichen Beziehungen heruntergebrochen sind auf jenes Verhältnis, das Bernard-Marie Koltès in seinem fulminanten (leider heute kaum mehr gespielten) Theaterstück «In der Einsamkeit der Baumwollfelder» mit allergrößter Schonungslosigkeit offenlegt: da der Dealer, dort der Kunde.
Und ein erhebliches Misstrauen zwischen ihnen.
Liebe gibt es in dieser «Welt» nur in ihrer käuflichen Variante, für Sentimentalitäten ist kaum Platz, höchstens heimlich. Das ist mehr Hölle als Paradies. Aber es klingt nicht danach. Jedenfalls nicht in dem Musiktheater, das Sara Glojnarić auf der Grundlage des Romans (und nach langen Zweifeln, ob diese Höllenerdenfahrt überhaupt in Töne zu fassen sei) komponiert hat. Glojnarić zeichnet darin das Porträt einer urbanen Gesellschaft nach dem Scheitern aller großen Utopien, aber sie tut es mit jenem Augenzwinkern, das vielen Opern, die sich in die Untiefen der ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Porträt, Seite 60
von Jürgen otten
Hätte irgendeine Art von Schöpfer auf Bazon Brock gehört, der Tod wäre längst abgeschafft. Doch dann gäbe es auch Claudio Monteverdis «L’Orfeo» nicht. Die berühmte Favola in Musica von 1607, die vom Leuchten und vom Leid des großen Sängermenschen und Menschensängers Orfeo in derart schönen, schmerzvollen Tönen erzählt, dass man ihr Fehlen – gäbe es sie nicht – als...
Seit 2015 leitet François-Xavier Roth die Kölner Oper als Musikchef: eine Zeit der Provisorien, des finanziellen Missmanagements und der organisatorischen Plagen, welche die bis heute nicht abgeschlossene Sanierung von Opern- und Schauspielhaus am Offenbachplatz mit sich brachte. 2025 wird Roth als Chefdirigent zum SWR Symphonieorchester zurückkehren, das er einst...
Erlösung dem Erlöser», auch das hätten die letzten Worte sein können, herabwehend aus irgendeiner Beleuchterbrücke des Nürnberger Opernhauses. Nun beschließt aber «Corriam tutti a festeggiar» die Amtszeit von Joana Mallwitz. «Le nozze di Figaro» also statt «Parsifal», der den großen Corona-Verschiebungen des fränkischen Spielplans zum Opfer gefallen ist. Genau...
