Publikumsbeschimpfung
Was tun, wenn jedes Instrument und jede vorstellbare Spieltechnik (oder Gesangstechnik oder Vortragsweise) erprobt, in die musikalische Praxis integriert und in mediale Kreisläufe eingespeist wird? Wenn also jeder Klang zugleich sedimentierte Musikgeschichte ist? Wenn das Publikum in so ziemlich allem, was es zu hören bekommt, nicht zunächst das Neue wahrnimmt, sondern das Alte wiedererkennt? Das Problem ist nicht ganz neu, spätestens seit dem Ende des seriellen Paradigmas arbeiten sich Komponisten daran ab.
Niemand aber hat daraus radikalere Konsequenzen gezogen als der Komponist Johannes Kreidler: «Wer für Geige schreibt, schreibt ab.»
Mit dieser griffigen Formulierung umreißt er die Ausgangslage. Das Vorhandene weiterzuentwickeln, auch im Widerspruch zu etablierten Konventionen, wie das für Komponisten früherer Jahrhunderte noch möglich war, ist für ihn keine Option: Im Zeitalter medialer Allverfügbarkeit von Musiken jedweder Herkunft und Stilistik besteht seine Methode darin, mit Samples aus diesem unübersehbaren Angebot zu arbeiten und sie neu zu kontextualisieren. Dazu gehören, als akustisches Signum einer Zeit, in der Musik oft nur als Hintergrundgeräusch wahrgenommen wird, ...
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Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Ingo Dorfmüller
Darf ein Countertenor Rossini singen? Die Frage ist so sinnvoll oder so sinnlos wie die nach Bach auf dem Steinway oder – vermutlich hier treffender – die nach Schubert auf dem Cembalo. Natürlich darf er, wenn das künstlerische Resultat überzeugt. Max Emanuel Cenčić überzeugt in den beiden Arien des Malcolm aus Rossinis «La donna del lago», die er schon 2007 auf CD...
Vielleicht lag es an der Komplexität der Partitur, vielleicht am Zeitpunkt der Pariser Uraufführung 1936, wenige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Vielleicht lag es aber daran, dass Georges Enescu nicht die Bedeutung zukam, die er als Komponist verdient hätte. «Oedipe» jedenfalls, seine einzige Oper, schaffte es nie in den Kanon. In Deutschland wurde das Werk erst...
Der Düsseldorfer «Ring» nimmt mit «Siegfried» nun doch noch richtig Fahrt auf. Regisseur Dietrich W. Hilsdorf, der lange mit Wagner fremdelte, scheint seinen Widerstand gegen das «Gift der Musik» – das er noch vor dem «Rheingold» beklagte (und mit der Lektüre der Zeitgenossen Börne und Zola in seiner Wirkung zu mildern versuchte), aufgegeben zu haben. Schon «Das...
