Publikumsbeschimpfung
Was tun, wenn jedes Instrument und jede vorstellbare Spieltechnik (oder Gesangstechnik oder Vortragsweise) erprobt, in die musikalische Praxis integriert und in mediale Kreisläufe eingespeist wird? Wenn also jeder Klang zugleich sedimentierte Musikgeschichte ist? Wenn das Publikum in so ziemlich allem, was es zu hören bekommt, nicht zunächst das Neue wahrnimmt, sondern das Alte wiedererkennt? Das Problem ist nicht ganz neu, spätestens seit dem Ende des seriellen Paradigmas arbeiten sich Komponisten daran ab.
Niemand aber hat daraus radikalere Konsequenzen gezogen als der Komponist Johannes Kreidler: «Wer für Geige schreibt, schreibt ab.»
Mit dieser griffigen Formulierung umreißt er die Ausgangslage. Das Vorhandene weiterzuentwickeln, auch im Widerspruch zu etablierten Konventionen, wie das für Komponisten früherer Jahrhunderte noch möglich war, ist für ihn keine Option: Im Zeitalter medialer Allverfügbarkeit von Musiken jedweder Herkunft und Stilistik besteht seine Methode darin, mit Samples aus diesem unübersehbaren Angebot zu arbeiten und sie neu zu kontextualisieren. Dazu gehören, als akustisches Signum einer Zeit, in der Musik oft nur als Hintergrundgeräusch wahrgenommen wird, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Ingo Dorfmüller
Zuerst ist alles wie immer im Wuppertaler Opernhaus. Der Nierentisch-Charme im Foyer bezaubert durch seine Sterilität, der Sekt ist süß und das Foyer-Team freundlich – nur dass sich diesmal einige junge Leute in schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift «Support Team» untergemischt haben. Unterstützung beim Klettern, Mitspielen, Singen? So viel wird vom Publikum nicht...
So lange ich denken kann, hat mir der eiserne Grundsatz gute Dienste geleistet: auf Tour nie bei Verwandten wohnen! Nicht, dass ich was gegen die Familie hätte. Es ist bloß so: Wer nicht selbst ein Musikerleben lebt, hat von unserm Tun und Treiben nur eine vage Vorstellung, weiß kaum, was der Job erfordert. Unschuldigen Zivilisten den Künstler-Rhythmus aufzwingen,...
Herrlich, diese Karikatur! Vier Komponisten (Siegfried Wagner, Max Reger, Richard Strauss, Eugen d’Albert) und ein Dirigent (Arthur Nikisch) stehen da, mehr oder minder gramgebeugt und recht ratlos, wie es scheint, um einen Flügel herum. Auf einem Stuhl davor ein Winzling, dessen zarte Füße nicht einmal im Traum an die Pedale reichen würden, dessen (bebrilltes)...
