Orchesterwogen in der Puppenstube
Unter Kapellmeistern kursiert das Bonmot, Humperdincks «Hänsel und Gretel» sei die schönste Wagner-Oper. Und wer wäre berufener, dafür den Beweis zu erbringen, als Christian Thielemann, der mit seinem Wiener Dirigat beim Publikum Begeisterung auslöste und bei der Kritik überwiegend Zustimmung fand. Freilich wird man bei seiner Auslegung der Partitur weniger an das Waldweben im «Siegfried» erinnert als an die heroische Wucht der «Götterdämmerung».
Dass diese Musik auch mit Charme und einer leichten Beschwingtheit gespielt werden kann (und eigentlich sollte), ist hier kaum zu spüren.
Die üppige Wagnerei im Orchester steht in deutlichem Kontrast zu der betont naiven Szene. Der Regisseur Adrian Noble und sein Ausstatter Anthony Ward haben alles ausgespart, was an Abgründigem, Beunruhigendem in dem Märchen steckt, und, ausgehend von einem viktorianischen Weihnachts-Tableau, eine heile Kinderwelt geschaffen. Die ist in sich stimmig gestaltet, gleitet aber optisch, vor allem im zweiten Akt, häufig ins Kunstgewerbliche ab, im Spiel der Sänger wiederum ins Putzig-Betuliche. Die komödiantischen und dramatischen Möglichkeiten des Stücks werden im zu harmlosen dritten Akt nicht ausgeschöpft, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Ekkehard Pluta
Der Lyriker bleibt am längsten mit dem Musiker geeint», schreibt Friedrich Nietzsche in «Götzen-Dämmerung», auch wenn die Künste sich «allmählich spezialisiert und voneinander abgetrennt» hätten. Mit beiden Kunstgattungen war Nietzsche eng vertraut: Bis etwa zum 30. Lebensjahr komponierte er selbst, auch wenn er wusste, dass er dabei unter der Messlatte der von ihm...
Am Ende steuert alles auf den Gesamtkunstwerker zu. Naturgemäß, könnte man bei diesem Autor sagen: Auf dem weiten Feld der Wagner-Rezeption gehört Udo Bermbach zu den aktivsten Analytikern. «Wagneriana / Bayreuthiana» bildet das große Finale seines neuen Buchs. Es versammelt Reden, Programmheftbeiträge und andere Essays aus den Jahren 1999 bis 2016, die meisten...
Alberto Ginastera, der international prominenteste Komponist Argentiniens im vergangenen Jahrhundert, war zu vielseitig, um als vermeintlich «typischer» südamerikanischer Tonsetzer mit dem klischeegerechten Aroma des rhythmisch-folkloristisch inspirierten Temperamentsmusikers wahrgenommen werden zu können. Dieser Façon entspricht am ehesten seine frühe...
