Oratorisches Ritual
Gibt es für das Böse eine Grenze auf unserer Erde? Diese rhetorische Frage stellt Thyeste sich in der gleichnamigen Oper des niederländischen Komponisten Jan van Vlijmen, die nun ihre Uraufführung am Brüsseler Théâtre de la Monnaie erlebte – als Koproduktion mit der Nationalen Reiseoper Enschede. Die Frage liegt auf der Hand, hatte Thyeste doch gerade, ohne es zu wissen, seine eigenen Söhne verspeist. «Sie tanzen in meinen Eingeweiden», heißt es in dem von dem flämischen Lyriker und Schriftsteller Hugo Claus auf Französisch verfassten Libretto.
Das Motiv für diesen Fall eines «inzestuösen Kannibalismus» rührt von der Feindschaft zwischen den Brüdern Thyeste und Atreus, den Söhnen des Tantalos. Die Geschichte gehört zwar zur griechischen Mythologie, dramatisiert wurde sie freilich erst durch den Römer Seneca. Atreus lädt den Bruder und seine Familie in seinen Palast, schlachtet, um sich zu rächen, dessen Kinder und serviert sie als Abendmahl. Am Ende der Geschichte hätten die Brüder sich gegenseitig töten können, doch van Vlijmen lässt sie im endlosen Tanz aus Liebe und Hass zurück.
Der Bariton Dale Duesing, der Thyeste eindrucksvoll verkörpert, schlägt in der Schlussszene ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Musikalisch würde Münsters neuer «Otello» jedem größeren Theater zur Ehre gereichen. Lance Ryan überzeugte bei seinem Deutschland-Debüt mit schlanker, hell timbrierter Stimme, die auch in den gefürchteten exponierten Höhen der Titelpartie über die nötige heldische Durchschlagskraft verfügt. Nur die Deklamatopassagen – etwa beim physischen Zusammenbruch Otellos im...
Gut möglich, dass John F. Coetzee, der südafrikanische Nobelpreisträger, Becketts «Warten auf Godot» im Hintersinn hatte, als er im Jahr 1980 seinen Roman «Waiting for the Barbarians» schrieb. Hier wie dort warten Menschen darauf, dass jemand auf der Bildfläche erscheint. Und in beiden Fällen entpuppt sich das Warten als wesentliche Handlung; diejenigen, respektive...
Alexander von Zemlinsky ist in der argentinischen Kapitale so gut wie unbekannt. Von seinen wichtigen Werken war in Buenos Aires lediglich die «Lyrische Symphonie» zu hören (1997). Die Maeterlinck-Lieder, die Quartette, das Trio – all dies harrt nach wie vor einer Aufführung. Das Gleiche galt bis vor kurzem für Zemlinskys Opern. Erst der ehemalige Colón-Intendant...
