Oratorisches Ritual

Brüssel, Vlijmen: Thyeste

Opernwelt - Logo

Gibt es für das Böse eine Grenze auf unserer Erde? Diese rhetorische Frage stellt Thyeste sich in der gleichnamigen Oper des niederländischen Komponisten Jan van Vlijmen, die nun ihre Uraufführung am Brüsseler Théâtre de la Monnaie erlebte – als Koproduktion mit der Nationalen Reiseoper Enschede. Die Frage liegt auf der Hand, hatte Thyeste doch gerade, ohne es zu wissen, seine eigenen Söhne verspeist. «Sie tanzen in meinen Eingeweiden», heißt es in dem von dem flämischen Lyriker und Schriftsteller Hugo Claus auf Französisch verfassten Libretto.

Das Motiv für diesen Fall eines «inzes­tuösen Kannibalismus» rührt von der Feindschaft zwischen den Brüdern Thyeste und Atreus, den Söhnen des Tantalos. Die Geschichte gehört zwar zur griechischen Mythologie, dramatisiert wurde sie freilich erst durch den Römer Seneca. Atreus lädt den Bruder und seine Familie in seinen Palast, schlachtet, um sich zu rächen, dessen Kinder und serviert sie als Abendmahl. Am Ende der Geschichte hätten die Brüder sich gegenseitig töten können, doch van Vlijmen lässt sie im endlosen Tanz aus Liebe und Hass zurück.
Der Bariton Dale Duesing, der Thyeste eindrucksvoll verkörpert, schlägt in der Schlussszene ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2005
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Willem Bruls

Vergriffen
Weitere Beiträge
Nicolai Gedda ist auch dabei

Noch heute sind die Burg von Turku in der Nähe des südlich gelegenen Hafens und der Dom am Nordrand des Zentrums Eckpfeiler ­einer Stadtbesichtigung. Zwei auf Schwedisch komponierte Opern (bis 1800 war Turku als Åbo die zweitgrößte schwedische Stadt!) spiegeln die Historie an diesen zentralen Orten: «Daniel Hjort» von Selim Palmgren spielt 1599 auf der Burg und...

Henze: Die Bassariden

Die Masse torkelt. Es baumeln die Arme, es wippen die Knie. Thebens Volk scheint verzaubert. Gott Dionysos hat es verführt. Wie ein Chor aus Bhagwan-Jüngern zieht es dahin, und Dionysos, der rachsüchtige, hinter­lis­tige Gott, trägt ein Dauergrinsen zur Schau. In Köln haben die «Bassariden» Einzug gehalten, und das erstmalig. Man hat sich für die revidierte Fassung...

Wonnen des Wohllauts

Der Ort war nicht gut gewählt für das, was von und für Cecilia Bartoli bei ihrem Gastspiel im Rahmen der RuhrTriennale in Bochum angekündigt war: «Un Viaggio Nel Barocco Italiano». Als Industriedenkmal mag die mit modisch-eleganter Schäbigkeit restaurierte Jahrhunderthalle einen wehmütigen Zauber ausstrahlen, aber unter ihrem hellen Glasdach konnte der dunkle...