Oper ist altmodisch, reaktionär, zurückgeblieben? – Von wegen!

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Montag ist ein schwieriger Tag. Mit dem Montag verbindet man etwas Anstrengendes oder Nichtgelungenes. Ein Montags-Auto zum Beispiel ist eines, das nicht richtig funktioniert und deswegen ständig in die Werkstatt muss. Oder es ist, nach neuesten Erkenntnissen, einfach ein Dieselfahrzeug. Aber um Stinkdiesel soll es hier nicht gehen. Und eigentlich auch nicht um den Montag.

Montag ist nur der Tag, an dem ich, so keine Semesterferien sind, jede Woche vormittags zwei Stunden lang vor zehn maßlos begabten Regie-Studenten sitze und ihnen beizubringen versuche, was Dramaturgie sein könnte und wozu sie gut ist. Aber auch darum geht es letztlich nicht.

Es geht um die Frage, die mir die Studenten manchmal stellen: Was sollen wir lesen? Na ja, antworte ich dann, da gibt es viele Möglichkeiten. Natürlich kann man die neuesten Romane von Mora, Hürlimann und Biller lesen, dazu Jelineks und Bergs Philippiken, Grünbeins Gedichte und Libretti, meinethalben auch Stücke von Löhle, Lepper und Mademoiselle Walser. Man kann, bei entsprechender Neigung, aber auch eine Schippe drauflegen und sich mit den Theoremen der Modephilosophen Gabriel und Garcia sowie der (Noch-)Modephilosophen Han und Sloterdijk auseinandersetzen. Eigentlich aber genügt es, die Alten zur Hand zu nehmen. Von Dante bis Diderot, von Sophokles bis Shakespeare, von Kant bis Kafka, dazu Büchner, Beckett und Baudelaire, eine Prise Tschechow. Das genügt.

Das genügt auch in der Oper: als Prinzip. Klar, es gibt einige wenige zeitgenössische Sachen, die es durchaus verdienen, aufgeführt zu werden. Aber die besten Stücke wurden bereits geschrieben. Einen «Don Giovanni» kriegt heute garantiert keiner mehr hin, einen «Wozzeck» ebensowenig, von «Tristan und Isolde» ganz zu schweigen. Womit wir bei dem wären, was ein ambitioniert-trendiger Komponist kürzlich in einem Artikel für die alte Dame «Die Zeit» der Gattung Oper an den Kopf geworfen hat: Sie sei die «mit Abstand altmodischste, reaktionärste, hinter ihrer Zeit zurückgebliebenste Kunstform, die derzeit existiert». Wohlan, das sind wuchtige Worte. Doch sie zielen an der Sache meilenweit vorbei. Oper ist seit über 400 Jahren aus der Zeit gefallen, oft quer zum Zeitgeist zur Höchtform aufgelaufen. Warum wirft man ihr das vor? Weil man – was ich wirklich nicht unterstellen möchte – selber keine tollen Opern komponieren kann? Oder nach wie vor dem postmodernen Glauben anhängt, alles werde besser gehen, wenn man einfach neu gepantschten Wein in alte Schläuche füllt? Oper vermag, wie Kunst generell, vieles. Doch wer, wie Monsieur le compositeur, glaubt, Heutigkeit sei ein Wert an sich, der irrt. Oper ist und bleibt das unmögliche Kunstwerk. Werke, die Bestand haben, werden auch noch bestehen, wenn ich mit meiner Liebsten zum Mond fliege. Nur montags geht’s leider nicht. Da ist Seminar.


Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Zwischenruf, Seite 65
von Jürgen Otten

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