Oh Wort, das mir fehlt

Die Komponisten sind sich einig: Von Monteverdi bis zu Wagner wird die Kunst des sprechenden Singens als Voraussetzung musiktheatralischer Wahrheit definiert. Genau um diese Kunst ist es jedoch heute schlecht bestellt. Warum eigentlich? Liegt es an der Multinationalität unseres Opernbusiness? An der Bequemlichkeit der Sänger? An Defiziten der Ausbildung? An unflexiblen Orchestern und Dirigenten? Es geht nicht nur schlicht um Artikulation. Es geht um das Zusammenwirken von Gedanke, Sprache, Gesangston und akustischer Vermittlung. Jürgen Kesting betreibt ein Stück Ursachenforschung.

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Che l’oratione sia padrona dell’armonia e non serva» – diese Forderung Claudio Monteverdis nach Sinnvermittlung stand als das erste Gebot des Gesangs am Beginn der Oper. Die Forderung ist von vielen Komponisten aufgenommen und paraphrasiert worden.

Nach bitteren Theatererfahrungen mit sinnlos übersetzten oder nach Sängerlaune entstellten Texten schrieb Richard Wagner in seinem Aufsatz «Der dramatische Gesang»: «Die höchste Reinheit des Tons, die höchste Präzision und Rundung, die höchste Glätte der Passagen … wie die höchste Reinheit der Aussprache bilden das Fundament für den Gesangsvortrag.» Woran kann es liegen, dass heute in deutschen Theatern bei Aufführungen deutscher Opern der Text als Obertitel mitlaufen muss? Entweder sind einzelne Sänger der meist multinationalen Ensembles nicht in der Lage, ihre Texte idiomatisch und eloquent zu singen und zu sprechen, oder es fehlt ihnen die vokale Technik, die Worte dergestalt in den Klang zu betten, dass sie verständlich sind. Oft sind es nur Wortfetzen, die den Hörer erreichen.
Ein Beispiel von den Salzburger Festspielen 2006 ist die Aufführung der «Zauberflöte» unter der musikalischen Leitung von Riccardo Muti. Die Rollen der drei ...

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Opernwelt April 2007
Rubrik: Thema, Seite 44
von Jürgen Kesting

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