Offene Möglichkeiten
Das Motto der zweiten Festival-Ausgabe unter Leitung der Komponistin Silvia Colasanti lautet «Mediterraneo». Gemeint ist damit weniger ein geographischer Raum als vielmehr ein kulturelles Gedächtnis. Die drei Opernproduktionen erzählen nicht vom Vergangenen als Museum, sondern von dessen Ursprung als künstlerischer Möglichkeit. Der Eröffnungsabend verbindet dabei zwei Werke, die auf den ersten Blick kaum zueinander passen – Strawinskys «Pulcinella» (1920) und Alfredo Casellas «La favola di Orfeo» (1932).
Hier die neoklassizistische Travestie nach Pergolesi und der neapolitanischen Commedia dell’Arte; dort die auf das Wesentliche reduzierte Neuerzählung des antiken Mythos. Regisseurin (und Choreographin) Jean Renshaw gelingt es jedoch, beide Stücke als kohärente Hälften eines Theaterabends zu lesen. Ihr «Pulcinella» wird zum Vorspiel des späteren Orpheus-Dramas: Am Ende triumphieren Liebe und Leben, im «Orfeo» herrschen Verlust, Verzicht und Tod. Bühnenbildnerin Sophia Debus unterstreicht diese Spiegelstruktur mit denkbar einfachen Mitteln. Eine weiße Wand mit einem einzigen monumentalen Tor bestimmt den «Pulcinella»-Teil; ohne eigentliche Zäsur kehrt sie im «Orfeo» in schwarzem ...
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Opernwelt September/Oktober 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 40
von Stefano Nardelli
Vor exakt 170 Jahren weilte Gioacchino Rossini in Bad Wildbad zur Rekreation, seit 1989 betreibt der ehemals mondäne Kurort ihm zu Ehren ein internationales Opernfestival. Mit der Burletta per musica «L’occasione fa il ladro» und dem Melodramma «La gazza ladra» sind dem regieführenden Intendanten Jochen Schönleber heuer zwei schlüssige Inszenierungen gelungen;...
Man will dem romantischen Dichter Adelbert von Chamisso ja nicht zu nahe treten, doch was er mit seinem Gedichtzyklus «Frauenliebe und -leben» im Sinn führte, will sich beim besten Willen nicht in das moderne Konzept einer heteronorma -tiven Beziehung zwängen lassen. Schon die ersten Verse erzeugen ein veritables Stirnrunzeln: «Seit ich ihn gesehen / Glaub’ ich...
Gott war schon mal zu Besuch in Berlin-Mitte. Ist lange her, wohl mehr als ein Vierteljahrhundert, aber unvergessen. Problematisch wurde es durch einen anderen störrischen Gast: Friedrich Nietzsche, einer seiner wichtigsten Kontrahenten, weilte ebenfalls in der Stadt. Und so kam es, wie es kommen musste. Die beiden prallten aufeinander wie zwei Protonen, und sie...
