O Glück! O Grauen! O Gott!
Wenn ein Reisender in einer Winternacht … Ja, wenn also dieser Reisende in einer Winternacht (oder im Morgengrauen) nach Russland kommt und schon im Zug auf einen Mörder sowie einen bleichen Beamten trifft, nicht ahnend, dass auf der Sitzbank hinter ihm eine Tote liegt, dann kann man eigentlich sein gesamtes Vermögen darauf verwetten, dass man sich in einem Roman von Fjodor Michailowitsch Dostojewski befindet und dass dieser Roman Wendungen und Wechselfälle mit sich bringen wird, die allein mit einem kantisch aufgeklärten Denken kaum zu bewältigen wären.
Denn eines verspricht Dostojewski: Vernunft ist in seiner apokalyptischen Schattenwelt ein Fremdwort. Seine Menschen leiden an der Welt. Doch nicht so melancholisch wie die Menschen Tschechows. Dieses Leiden ist grundsätzlicherer, weit drastischerer Natur.
So auch in Dostojewskis dystopisch-epischem Roman «Der Idiot». Fast eintausend Seiten lang wogt das Geschehen zwischen Realität und Traum, Thriller und Groteske, Farce und Fabel hin und her. Und mögen sie alle das Paradies auf Erden suchen, wo die Schönheit regiert: Im wirklichen Leben klappt das eben nicht. Zu groß sind die Erwartungen, die Lügen, die (Ent-)Täuschungen und vor ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
Das ultimative Idyll, vielleicht ist es auch nur eine Utopie, begegnet uns schon in Nummer zwei. «Es ruht so wohl, es ruht so warm», dichtete Eduard von Bauernfeld, von Franz Schubert in «Der Vater mit dem Kind» als klangliches Andachtsbild festgehalten. Und dass diese Minuten völlig kitschfrei gesungen werden, voller Wärme, inniglich und echt, vielleicht auch aus...
Einhundert Jahre schlief Dornröschen, die Prinzessin. Immerhin auf etwa die Hälfte brachte es Pinotta, die Waise. Doch nicht ein Prinz küsste sie wach, sondern ihr geistiger Vater – Pietro Mascagni, der Komponist dieses idillio in due atti über die Liebe dieser elternlosen Spinnereiarbeiterin zu ihrem Arbeitskollegen Baldo. 1880 hatte der damals 17-Jährige die...
Die Schwestern Nadia (1887–1979) und Lili Boulanger (1893–1918) gehören zu den Ikonen der Gender-Musikgeschichtsschreibung. Die frühverstorbene Lili, in Nadias Überzeugung die erste bedeutende Komponistin, hinterließ ein schmales, aber gewichtiges Œuvre. Nach Lilis Tod empfand Nadia ihr eigenes Schaffen als «überflüssig», gab das Komponieren auf und stellte ihr...
