Nachwirkendes Gift
Sir Georg Solti erinnerte sich: Schon 1947 habe er als Mittdreißiger an der Bayerischen Staatsoper einen «Tristan» dirigiert – auswendig. Der greise Richard Strauss äußerte sich im Gespräch danach höchst anerkennend, auch über die Gedächtnisleistung, um dann überraschend zu fragen: Im H-Dur-Schluss, dem klanglich «schönsten» Akkord der Musikgeschichte, spielten alle Instrumente, mit einer Ausnahme. Ob er, Solti, wisse, welches Instrument dies sei. Der Gefragte gestand seine momentane Blockade. Worauf Strauss trocken erwiderte: «Ist doch ganz einfach – das Englisch-Horn.
Das Gift ist raus!»
Nun spielt Gift bei Wagner eine ganz besondere Rolle, als Droge wie als Tötungsmittel, das zugleich das Sterben verhindert. Tristans Wunde will sich nicht schließen, die Qual steigert sich ins Unermessliche, doch nur in Isoldens Armen wird ihm Erlösung im Liebestod zuteil. Das Leiden des Amfortas besteht erst recht im perennierenden Nicht-Leben-Können und Nicht-Sterben-Dürfen.
Rettung verheißen einzig der «reine Tor» und: «Der Speer nur schließt die Wunde, der sie schlug.» Die Unaufhörlichkeit der Verzweiflung gehört zum Heilsplan. Aufstieg wie Fall Siegfrieds in der «Götterdämmerung» bewirken ...
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Opernwelt Jahrbuch 2023
Rubrik: Mythos Wagner, Seite 123
von Gerhard R. Koch
John Allison
London
Opera
1. Yonatan Cnaan: «Theodor» (Pfeffer/Ricklin), Israeli Opera Tel Aviv
2. Francesco Corselli: «Achille in Sciro» (Bolton/Clément), Teatro Real Madrid
3. Sergej Prokofjew: «Krieg und Frieden» (Jurowski/ Tcherniakov), Bayerische Staatsoper München
4. Dmitri Tcherniakov
5. Boris Kudlička
6. Jorge Jara
7. Lidiya Yankovskaya
8. Piotr...
Erinnern wir uns: Es ist kurz nach zehn am Abend, und noch einmal tönt da an diesem trüben Februartag 2018 des Hirten todestraurig klagende Weise, da raunt der getreue Kurwenal seinem der Welt eigentlich schon längst abhanden gekommenen Tristan zu: «Noch ist kein Schiff zu seh’n!» Wird die ihren Geliebten erlösende Isolde je zurückkehren? Wenn ja, dann sicherlich...
Ziemlich genau 30 Minuten ist der zweite Aufzug alt, da wird er zur Anfechtung, auch für manchen Wagner-Nerd. Der Überraschungsangriff des Vorspiels, die jubelnden «Hojotohos» Brünnhildes, der Ehezank im XXL-Format. Und dann verpuffen und versickern die Effekte, weil es für den Göttervater ans Eingemachte geht, weniger fürs Publikum, so ist das jedenfalls in vielen...
