Mustergültig
Kurz vor der Uraufführung seines «Wölfli-Liederbuchs» meldete sich Wolfgang Rihm mit einer Bitte an die Interpreten zu Wort: Die sieben Stücke sollten «in dynamische Extreme» geführt werden; «wenn dasteht fffpppfff, ist das physische Zuckung ... Ich stelle mir das Ganze vor: karg und glühend, eisig heiß, winterlich ohne Naturbild».
Was der damals (1981) 29-Jährige formulierte, darf nicht nur für seine Auseinandersetzung mit dem Klavierlied als programmatisch gelten – als Bekenntnis eines musikalischen «Triebtäters», der in bewusster Abgrenzung vom systemischen Denken der Darmstädter Nachkriegsavantgarde eine Klangpoetik der spontanen, haptisch-expressiven, aus dem Unbewussten schöpfenden Ent-Äußerung propagierte.
Freilich spricht hier kein Subjekt, das sich aus allen Bezügen heraussprengt, um die eigene Autonomie zu sichern. Rihms schwindelerregende Produktivität speist sich eher aus den Impulsen eines schöpferischen ES, das in einem riesigen Resonanzraum schwingt. Aufs Lied, zumal das «Wölfli-Liederbuch», bezogen heißt das: Natürlich klingen – hintergründig, untergründig – Schubert, Schumann, Brahms, Wolf mit; die Glut des romantischen Klavierliedes ist nicht erloschen. Natürlich ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 33
von Albrecht Thiemann
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