Musikalisch ein Glücksfall
Je länger diese Aufführung dauert, desto stärker keimt ein Verdacht: Womöglich hat man sich bei Wagners «Tristan und Isolde» schon an zu viel gewöhnt. An Dirigenten, die ihr Heil im effektvollen Ertrinken und Versinken suchen und darob ihren Job als strenger Steuermann vergessen. Auch an Orchester, die willig und billig alles mit Emotion fluten, wo doch minutiöse Abstufung und trennscharfes Agieren gefragt wären. Vor diesem Hintergrund ist dem Theater Augsburg ein imponierendes Statement gelungen.
Generalmusikdirektor Dirk Kaftan, in seiner zweiten Saison längst zum Publikumsliebling und zum Energiezentrum des Hauses geworden, glückt dabei mit dem Philharmonischen Orchester eine wundersame Gratwanderung: ein «Tristan» zwischen temperamentvoller Entfesselung und reflektierter Kontrolle. Eine Deutung, die vor allem eines ist: genau gespielt und detailbewusst organisiert wie unter einer überscharfen Linse. Kein Bläserakkord sucht sich da klappernd erst zusammen, jeder Streicherstrom wird kanalisiert und energiereich phrasiert. Der Klang ist prägnant gefasst, geschlossen, klug balanciert. Die Temporelationen stimmen, Übergänge ereignen sich präzise und logisch. Und anstatt die Sänger im ...
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Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Markus Thiel
Schon ein Jahr vor der Premiere waren sämtliche Aufführungen von Donizettis «Anna
Bolena» an der Wiener Staatsoper ausverkauft. Nicht wegen des Stücks, das Evelino
Pidò in einer neuen Fassung dirigierte, sondern wegen Anna Netrebko und Elina Garanca. Auch die New Yorker Met punktete bei Rossinis «Comte Ory» vor allem dank der Star-Besetzung: Diana Damrau, Joyce...
Kultur gleicht manchmal einem Mädchen, das einen reichen Alten heiratet und heuchelt, es sei Liebe – wenn sie nämlich so tut, als gehe es ausschließlich um Höheres. Ihren wahren Charakter (den Warencharakter) zeigt sie indes, wenn ein «Event» ansteht wie jener im April in Wien mit Gaetano Donizettis «Anna Bolena» an der Staatsoper, der ersten Aufführung des Werks...
Zwischen 1945 und 1990 hat man Arrigo Boitos «Mefistofele» in Deutschland, wenn überhaupt, dann nur konzertant gespielt. Seitdem scheint sich eine leise Renaissance des Werks anzudeuten, an der sich jetzt Lübeck (in Koproduktion mit Kaiserslautern und Regensburg) mit einer rundum stimmigen Aufführung beteiligte.
«Und jedermann erwartet sich ein Fest» – Heidrun...
