Musik und Moral
Das Musiktheater der Weimarer Republik ist noch immer für Überraschungen gut. Ulm hat jetzt «Sancta Susanna» ausgegraben, jenes 1921 entstandene Stück des jungen Paul Hindemith, das die beiden zuvor komponierten Einakter «Mörder, Hoffnung der Frauen» und «Das Nusch-Nuschi» zum Triptychon ergänzen und abrunden sollte. Doch das auf ein Dramolett des expressionistischen Lyrikers August Stramm geschriebene Stück geriet noch vor der geplanten Stuttgarter Uraufführung unter Blasphemieverdacht und kam dort erst gar nicht auf die Bühne.
Spätere Aufführungen in Frankfurt und Hamburg wurden von lautstarken öffentlichen Protesten begleitet. Schließlich hat der konservativ gewordene Hindemith selbst den Einakter zurückgezogen, so dass er bis in die 1970er-Jahre nicht mehr aufgeführt werden durfte.
Das Stück spielt während einer mondhellen Mainacht in einer Klosterkirche. Die Nonne Susanna liegt im Gebet versunken am Altar. Plötzlich dringt der Lustschrei eines Liebespaares ins Kircheninnere und weckt Susannas unterdrückte Sexualität – eine Versuchung, in der sie den Teufel zu erkennen glaubt. Das erinnert ihre Mitschwester Klementia an ein lange zurückliegendes Ereignis, als eine Nonne im ...
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