«Musik erschöpft sich nicht in Tempo und Dynamik»

In diesem März wird Hartmut Haenchen 70 Jahre alt. Gebucht ist er bis 2017 in aller Welt – nur nicht in Deutschland. Ein Dirigent, der sich oft jahrelang auf ein neues Werk vorbereitet – wissenschaftlich-philologische Details inbegriffen. Einer, für den angemessene Probenbedingungen zur Sache selbst gehören. Einer, dem die Musik wichtiger ist als die Karriere. Haenchens Deutungen von Mozart, Wagner und Strauss gelten als exemplarisch. Für die Moderne zwischen Reimanns Lear und Zimmermanns Soldaten hat er sich lebenslang eingesetzt. Und mit seinem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach hat er über 50 CDs aufgenommen. Hartmut Haenchen bereitet sich oft jahrelang auf ein neues Werk vor – wissenschaftlich-philologische Details inbegriffen.

Opernwelt - Logo

Sie werden jetzt siebzig, kamen als Dirigent erst spät ins internationale Geschäft und haben nach dem Weg über Halle, Zwickau und Dresden Ihre erste Chefposition in Schwerin gehabt. Die Tendenz geht heute in die ­andere Richtung: Nicht einmal der Posten des Ersten Kapellmeisters an großen Häusern ist wirklich begehrt. Junge Dirigenten wollen sofort Chefs werden, und wer mit dreißig keine berühmten Orchester geleitet hat, bekommt eine Krise. Hat gutes Dirigieren mit Reife zu tun?
Es gibt heute zweifellos sehr gute junge Dirigenten.

Ich frage mich nur, wie sie mit sechzig oder siebzig Jahren dirigieren. Sind sie dann besser? Können sie einen Reifeprozess durchleben, wenn sie so hoch einsteigen? Ich würde von mir behaupten, dass ich im Laufe der Jahre besser geworden bin. Als sehr junger Mensch habe ich zum Beispiel den Fehler gemacht, Fidelio anzunehmen; in München war das, zu Wolfgang Sawallischs Zeiten. Darüber ärgere ich mich heute noch. Das Stück ist mörderisch schwer! In zwei Jahren werde ich es – nachdem ich es nie mehr dirigiert habe – in Madrid noch mal machen. Ein Herzenswunsch von mir. Bei Beethovens Missa solemnis habe ich immer gesagt: Ich dirigiere das nicht, bevor ich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2013
Rubrik: Interview, Seite 32
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Geisterstunden

Zur Feier des Britten-Jubiläums haben die beiden wichtigsten englischen Festivals Mitschnitte herausgebracht: Glyndebourne Jonathan Kents Inszenierung von The Turn of the Screw auf DVD, Aldeburgh The Rape of Lucretia unter Oliver Knussen als Doppel-CD.

Die Glyndebourne-Produktion (eine Reprise der Inszenierung von 2005 aus dem Jahr 2011, aber erstmals auf DVD)...

Von Paris nach Chemnitz

Meyerbeer starb während der Proben seiner Oper L’Africaine. So will es eine weit verbreitete «Homestory», die vom letzten Atemzug weiß, mit dem das Meisterwerk vollendet wurde. Sie setzte sich durch. Leider. Und so war lange und vielfach zu lesen, der am 2. Mai 1864 verstorbene Komponist habe ein Werk hinterlassen, das nur noch zu Ende geprobt und mit dem an der...

Herrschaft der Gewissenlosen

Rechte Winkel, karge «Bauhaus»-Strenge. Befinden wir uns in einem Zuchthaus? Die eintönige Farbpalette der Kostüme spricht dafür: Man trägt Schwarz oder Dunkelblau, König Gustav einen Diktatorenanzug in Pflaume. Nur die Wahrsagerin Ulrica sticht durch ihre giftgelbe Schärpe heraus; sie ist auch die Einzige ohne Latexmaske. Grelles Licht strömt, brutal wie zum...