Mit den Songs kamen die Tränen
Abschiede sind schwer, sie tun in der Seele weh, manchmal sind sie sogar unaushaltbar, weil man weiß: Es wird endgültig sein, auf immer. Trost spendet in solchen Fällen nicht einmal der Himmel. Es sei denn, er hängt voller Geigen. Wie im vorliegenden Fall, einem Duett, dem nur derjenige widerstehen kann, der sich sein Herz ausgerissen oder es zugemauert hat.
Eine göttliche Musik ist das, sentimental bis zur Tränengrenze, aber so tröstend, dass man sie überall mit hinnehmen möchte: «Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände», singt das hohe Paar, schaut sich dabei tief und die Augen und weiß selbst vermutlich gar nicht mehr, wohin mit all den Gefühlen.
Der Zwiegesang der beiden «Königskinder», die zusammen eigentlich nicht kommen können, es am Ende aber dennoch tun, zählt zu den berühmtesten Schlagern in Paul Abrahams Operette «Viktoria und ihr Husar». Ein Liebeswalzer, wie er typisch war für den Komponisten, voller Herzschmerz, Sehnsucht und schluchzender Melodik. Ende der 1920er-Jahre, die Depression bemächtigte sich Deutschlands mehr und mehr, kam so etwas gut an.
Zugleich aber lag in den Zeilen eine Prophetie, die ihre Schöpfer, die Librettisten Fritz Löhner-Beda und Alfred ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Jürgen Otten
Im Zeichen von Diversität und Queerness erobern Altisten gleichsam als moderne Vertreter der barocken Kastraten das heutige Theater. Der Hype um sie ist enorm. Demgegenüber hat ein anderes, gleichfalls wiedergewonnenes Fach das Nachsehen: der Haute-Contre. Dieser hohe Tenor, der die französische Opernbühne von Lully bis Gluck beherrschte und mit seiner Bruststimme...
In der Bibel ist die Geschichte von Kain und Abel schnell erzählt. Ein paar Verse. Nicht mehr. Viele Fragen bleiben. Warum wird das eine Opfer angenommen? Warum das andere verschmäht? Warum verliert das Buch der Bücher kein einziges Wort über das Elternpaar Adam und Eva? Wie kommt es zu dem Brudermord? Und was hat es eigentlich mit dem Kainsmal auf sich? Wie sieht...
Vergessen Sie für einen Moment Mozart und seinen «Idomeneo», der die deprimierende Katharsis des originalen Librettos ins Gegenteil verkehrt. Der Plot ist zwar identisch: Kretas König Idomeneo verspricht Neptun für die Errettung aus einem Seesturm, den ersten Menschen zu töten, der ihm an Land begegnet, und stößt dann fatalerweise auf den eigenen Sohn. Bei Mozart...
