Menschenkäfig
Der 1724 entstandene «Tamerlano» ist Händels finsterste, kühnste Oper, ihr Ausgangspunkt ein historisches Ereignis: der Kriegszug des Mongolen-Khans Tamerlan, der 1402 den türkischen Sultan Bajazet besiegte und diesen dann in einem Käfig mit sich führte. Der amerikanische Regisseur R. B. Schlather und sein Bühnenbildner Paul Steinberg greifen diesen Ausgangspunkt der ansonsten in allen Details frei erfundenen Handlung auf und versetzen Ausführende wie Zuschauer in einen weißgekalkten, von kaltem Neonlicht erhellten Bunker.
Auf der Spielfläche platziert: ein überdimensionaler Maschendrahtkäfig, in den Tamerlano zu Beginn das Orchester samt Dirigenten einschließt, ehe er – mordlüsterner Psychopath und unterhaltsamer Showmaster in einer Person – seine Gefangenen in ein makabres Spiel voller Hass und Verzweiflung mit- und gegeneinander stürzt.
Schlather outet ihn als US-Landsmann – mit Cowboyhut, Brille und Schnauzer eine wirre Mischung aus größenwahnsinniger Rambo- und perfider Comedy-Figur. Lawrence Zazzo spielt dieses Ekelpaket mit sadistischer Brillanz und zynischer Süffisanz. Mal lässt er die Peitsche knallen, mal verschenkt er Dosenfreibier, dann foltert er Bajazet, indem er ihn ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Uwe Schweikert
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Menschen in blutgetränkten Shirts liegen reglos auf den Stufen vor dem Haupteingang der Semperoper. Zögerlich bahnen sich die Premierengäste ihren Weg zwischen den Körpern, gehen unter dem Banner «Heute: Weltuntergang» hinein. Das drohende Inferno inszeniert Calixto Bieito in Dresden mit
György Ligetis «Le Grand Macabre». Seine «Anti-Anti-Oper» greift auf...
Das Bild passt zur Musik. Vor dem Spiegel, im Totenhemd, die kahle Sängerin, ein Gespenst: Marie. Hinter ihr Paul, der Witwer, «in höchster Erregung» (Regieanweisung), aber noch höherer Verwirrung, dem Tod ins Auge blickend: Einen Tritonus hinauf springt sein Ruf, vom zweigestrichenen es zum a, aber er gilt der falschen Frau: «Marietta». Die abfallende kleine...
