Melancholie, mon amour
Herr Žuraj, wie geht also ein solches Kunststück?
Händl Klaus hat den Stoff von Thomas Mann schon lange in sich getragen und den Wunsch geäußert, daraus ein Musiktheaterstück zu machen. Mich selbst hat vor allem der Umbruch interessiert, in den die Hauptfigur der Erzählung gestürzt wird – von der Lebensblüte in diese Krankheit, in diesen Zerfall. Ich habe in diesem Umschwung sofort ein enormes dramatisches Potenzial entdeckt.
Händl Klaus hat die Erzählung auf das Wesentliche konzentriert, das ironische Erzählen, das großväterlich Besserwisserische eliminiert und die Geschichte an einen fiktiven Ort, «Aurelias Ort», sowie in eine fiktive Zeit, «Aurelias Zeit», versetzt. Auch die Hauptfigur wurde aus klanglichen Gründen in ebenjene Aurelia umbenannt. Die Konzentration liegt ganz auf dem tragischen Prozess des Sterbens. Die Dialektik von Tod und Leben wird aber, anders als bei Mann, nicht als Betrug der unerbittlichen Natur aufgefasst. Händl Klaus gibt dem Ganzen nun den doppeldeutigen Titel «Blühen».
Die Besetzung mit nur fünf Personen entspricht einer Kammeroper. Hinzu kommt ein Kammerchor, für den nur im siebten und letzten (Sterbe-)Bild Text vorgesehen ist. In Ihrer Partitur ist ...
Thomas Manns letzte Erzählung «Die Betrogene» ist als Vorlage einer neuen Oper doch eine recht eigenwillige Angelegenheit. Eine Frau namens Rosalie von Tümmler erlebt im Düsseldorf nach dem Ersten Weltkrieg ihren zweiten Frühling, misstrauisch und neiderfüllt beäugt von ihrer gehbehinderten Tochter. Sie hat sich in den attraktiven englischen Sprachlehrer ihres Sohnes verliebt und fühlt in sich das Erblühen neuer Lust. Auch um sie herum wächst und gedeiht alles in frühlingshaftem Wuchern, nur gelegentlich stört beim Spaziergang in den Rheinauen der Moschusduft eines verwesenden Tieres – Zeichen nahenden Unheils. Denn alles ist ein großes Missverständnis. In Rosalies Körper wächst lediglich der Gebärmutterkrebs, die scheinbar wieder erwachte Menstruation ist eine blutende Wunde, und so muss sie unerfüllt aus dem Leben scheiden. Der Romancier Mann erkannte in dieser wahren, ihm von seiner Frau Katja zugetragenen Tragödie einer Münchner Aristokratin die Dialektik von Leben und Tod, konnte und wollte aber von seinem ironisch-parodistischen Spätstil nicht lassen. So triefen die ganzen Naturmetaphern des Textes förmlich vor Parodie und Ironie. Daraus eine bühnenwirksame, gelungene (Literatur-)Oper zu formen, ist nicht nur eine große Leistung, sondern in der Tat ein Kunststück. Es bedarf da zum einen eines klugen Librettisten wie Händl Klaus, zum anderen eines Klangvirtuosen vom Format des slowenischen Komponisten Vito Žuraj, um Manns Erzählung zum «Blühen» zu bringen. ...
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64. JAHRGANG, JAHRBUCH 2023
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