Mechanismen der Angst
Musik wie hinter einem Schleier, erkennbar und fremd, tieftraurig und schwelgerisch schön. Oboen setzen mit einer Klagebewegung ein, der Chor öffnet in sanfter Wiegenbewegung den Klangraum nach oben: «Zu dir in Demut eil’ ich, mach du mich fromm und rein.» Der Sohn ist tot. Ein Hoffnungsträger wurde geschlachtet. Golgatha ist nah, Bachs «Matthäus-Passion» auch. Knapp zwei Minuten lang. Dann folgt ein harter Schnitt, und der neue Hoffnungsträger hat das Wort. In gleißendem Klanggewand propagiert er seine Herrlichkeit: «Bald werde ich euch erscheinen.
»
Eine der faszinierenden Scharnierstellen in «Die Bassariden». Hans Werner Henze verändert immer wieder die Perspektive, spielt mit Hör- und Denkrichtungen, rückt die Figuren aus den «Bakchen» des Euripides in wechselndes Licht. Pentheus, der junge Herrscher von Theben zum Beispiel, ist alles andere als ein Opferlamm. Zu Beginn der Oper wird er mit Zwölftonmodi charakterisiert: eine kühle, bizarre Musik mit großen, unnatürlichen Intervallsprüngen. Pentheus erscheint da als hart durchgreifender Diktator, der Aberglauben und Ausschweifungen mit Gewalt ausschaltet und vor allem die Ehre seiner Tante Semele hochhalten will. Deren ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Stephan Mösch
Zum Prädikat «letztgültig» hat es nicht mehr gereicht. Die «Uraufführung» 1959 in Moskau, sechs Jahre nach dem Tod Sergej Prokofjews, ist eher als Director’s Cut einzuordnen. Und wer weiß, was noch geworden wäre: ein, zwei Bilder weniger? Eine Straffung und Glättung, damit verbunden eine Verharmlosung der Tonsprache? Oder, angesichts des heraufdämmernden...
Das Tor geöffnet, die Allee flankiert von Abendpersonal, Zelten, Bars und fern sichtbar die Tribüne vor dem Palazzo: Der Festival-Besucher tritt in eine andere Welt. Und das in zweifacher Hinsicht. Der Giardino Corsini al Prato, stilechter italienischer Barock, befindet sich im Herzen von Florenz und entführt in ein Zauberreich aus Statuen, frisierten Hecken,...
Man schrieb das Jahr 1996 in den Annalen des Rossini Opera Festival: Juan Diego Flórez sollte eigentlich die kleine Rolle des Ernesto in «Ricciardo e Zoraide» singen, übernahm aber stattdessen die zentrale Tenorpartie in «Matilde di Shabran» – und wurde über Nacht zum Star. Seitdem kehrt er ungefähr alle zwei Jahre zu dem Festival zurück, das im italienischen...
