Magie des Augenblicks
Meist sitzt sie im Dunkel. Unbemerkt, fast möchte man meinen: unscheinbar. Aber gerade darin liegt ihre große Stärke: Dass sie sich zurückzieht auf die Position der Beobachterin, deren einziges Interesse es ist, die Blicke der anderen einzufangen, und dass sie imstande ist, diesen einen, flüchtig-konzentrierten Moment festzuhalten, in dem diese Blicke fokussiert sind – auf eine andere Person, auf einen Gegenstand, auf eine Situation; diese Sekunde, in der sich Entscheidendes ereignet, etwas, das vom Zuschauer fast nicht zu sehen und doch so wichtig für den Abend ist.
Theaterfotografie ist ein wenig wie ein Dinosaurier. Mit der rasanten, sich immer wieder beschleunigenden virtuellen Bilderwelt kann sie kaum mehr mithalten, dafür ist sie schlicht zu altmodisch, zu bedächtig, zu träge. Doch eben in dieser Langsamkeit liegt die Kunst, in diesem Nichtdarüber-Hinweggehen. Theaterfotografie besitzt, wenn sie gut gemacht wird, die Fähigkeit, mehr zu sein als ein Bild. Sie besitzt die Fähigkeit, eine ganze Gedankenwelt abzubilden.
Monika Rittershaus zählt in diesem «Fach», das im günstigsten Fall eine eigene Kunstform ist, seit Jahrzehnten zu den Besten. Sie weiß, wann sie auf den ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Jürgen Otten
Es ist der vielleicht größte Albtraum eines Kritikers. Man betritt den Zuschauersaal, doch die Sache läuft bereits. Besonders schlimm: alles ist fast schon vorbei. Anfang September wurde ein solcher Albtraum zur Beinahe-Realität. Das Luzerner Theater hatte (in Kooperation mit dem Lucerne Festival) Béla Bartóks Einakter «Herzog Blaubarts Burg» angesetzt – als...
Ein Mann wird 80 - der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, Orchestergründer und kämpferischer politischer Geist, dominante Autorität als Berliner Generalmusikdirektor, dessen Führungsstil Debatten hervorrief. Dagegen wirkt Barenboims unmittelbare Gegenwart ziemlich fragil. Nach überstürzter Tourneeabsage im Mai und der Rückkehr mit seinem West-Eastern Divan...
Vorab die Frage der Fassung: Modena, 1886. Eine kluge Wahl. Denn Modena war Verdis letztes Wort in einer (siebenteiligen) Causa, die komplizierter klingt als sie ist. Den (fünfaktigen) «Don Carlos» schrieb er für Paris und die dortigen Usancen, den (vieraktigen) «Don Carlo» für sein Heimatland. Dass die italienische Version vorzuziehen ist, lässt sich in jeder...
