Kulturverdächtig
Zwei Fragen: Darf man das? Und die weit entscheidendere: Geht es auf? Ein paar Operationen en miniature sind dafür notwendig, die Eliminierung weiblicher Wortformen, vor allem die einer ganzen Figur. Arturo, Pflichtgatte von Lucia di Lammermoor und ohnehin kaum mehr als tenoraler Stichwortgeber, heißt jetzt Emilia und wird gesungen von der Mezzosopranistin Sara Šetar. Die Hauptperson bleibt, wurde jedoch verwandelt. Tragischer Held am Staatstheater Nürnberg ist nun Luca, ein homosexueller Twen, den Familie und Freunde zur Hetero-Hochzeit zwingen wollen.
Doch der hängt lieber mit queeren Freunden im Jugendzimmer ab und leistet sich mit Edgardo einen gleichaltrigen Lover.
Regisseurin Ilaria Lanzino hat Donizettis Oper, das ist das kleine große Wunder dieser Produktion, auf links gekrempelt, aber in keinem Takt verraten. Die Kraftfelder und Konstellationen zwischen verbotener Liebe und borniertem Umfeld, zwischen Neigung und Pflicht bleiben nicht nur vollumfänglich erhalten: Es ist verblüffend und schlüssig, wie hier, fernab von jeder billigen Christopher-Street-Day-Kopie oder bemühter Gender-Debatten, der Belcanto ins Heute geholt wird. Schon in der Entstehungszeit begriff man ja ...
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Opernwelt Januar 2024
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Markus Thiel
Im Teatro Comunale di Modena ist man stolz auf den Dachboden des Gebäudes. Dort finden sich noch handgemalte Originalplakate aus den ersten Spielzeiten, darunter auch die von 1841, dem Jahr der feierlichen Eröffnung – mit Alessandro Gandinis «Adelaide di Borgogna al castello di Canossa», Saverio Mercadantes «Il bravo» und Vincenzo Bellinis «Beatrice di Tenda». Der...
Die erste Orchesterprobe ist ein wenig ernüchternd: Nach vier Tagen intensiven Unterrichts und Proben mit Klavierbegleitung spürt man deutlich, wie die Stipendiatinnen und Stipendiaten mit der Dynamik eines großen Instrumentenapparats noch fremdeln. Es klappert an Nahtstellen, die Meinungen über Tempi gehen bisweilen auseinander. Offenbar fehlt ein Stück Erfahrung....
Im September 2021 hatte der Altist und Regisseur Max Emanuel Cencic bei dem von ihm gegründeten Barockfestival im Bayreuther Markgräflichen Opernhaus Nicola Porporas «Polifemo» inszeniert. Die gleichzeitig entstandene Studioproduktion bestätigt nicht nur den Ausnahmerang des 1735 in Konkurrenz zu Händel in London uraufgeführten Werks, sondern ist eine der...
