Jus' Keep On Singin'
Es war, das darf man ohne Übertreibung sagen, ein spätes Debüt. 58 Lenze zählte Marian Anderson, als sie am 7. Januar 1955 erstmals die Bühne der Metropolitan Opera betrat, um die Ulrica in Verdis «Un ballo in maschera» zu singen, unter der Leitung des genialischen Dimitri Mitropoulos. Doch weniger deswegen war das Publikum in Manhattans Musentempel von den Socken. Was im Parkett und auf den Rängen ein erhebliches Raunen hervorbrachte und hinterher für ein weithin hörbares Rascheln im Blätterwald sorgte, war die Tatsache, dass die Altistin eine Afroamerikanerin war.
90 Jahre nach Ende des Sezessionskrieges! In einem Land, das wie kein zweites die Freiheit des Individuums proklamierte und den American Dream als höchstes Ideal ausgelobt hatte. Kaum zu glauben, aber wahr.
Und womöglich wäre das Auditorium nicht einmal 1955 in den Genuss dieser gutturalen, schwelend-schwelgerischen Stimme mit dem unvergleichlich diamantenen Timbre gekommen, hätte sich Rudolf Bing, der charismatische Met-Boss, nicht über gesellschaftliche Usancen hinweggesetzt und Marian Anderson gegen den Willen des Aufsichtsrates unter Vertrag genommen. Bing war der Sängerin bei einer Party ein Jahr zuvor begegnet ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Jürgen Otten
«Poison!» schrieb der belgische, aber in Paris lebende und lehrende Organist und Komponist César Franck in dicken Lettern auf die Partitur von «Tristan und Isolde», die in der kurzen Blütezeit des französischen Wagnérisme geradezu ein Kultobjekt unter seinen Kollegen war. Aber er konnte es nicht verhindern, dass dieses «Gift» auch bei seinen Schülern Vincent...
Was wohl besser ist? Mit zwei Dutzend Mitbewerbern im Treppenhaus Schlange zu stehen vor der Mietwohnung respektive vor dem Makler, in der Tasche Lebenslauf und Kapitalnachweis? Oder nach der gleichen Warterei (und dem «ordentlichen» Schmieren der Verantwortlichen) ein Objekt zugeteilt zu bekommen, um schließlich im Plattenbau am Stadtrand zu landen? Ob Russland...
Als es an deutschen Opernhäusern noch einen Repertoirebetrieb gab, in dem es üblich war, dass prominente Sängerinnen und Sänger nur an ein, zwei Abenden gastierten, da stellten sich manchmal – trotz kurzer Einweisungsproben – musikalische Sternstunden ein. Etwa wenn die Sopranistin Júlia Várady in den Achtzigern und Neunzigern in Hamburg in einer schon damals in...
