In die Ecke, Besen!
Es ist anzunehmen, dass Rolando Villazón Goethes «Zauberlehrling» kennt, schließlich ist er ein kluger Mann. Somit dürfte ihm auch jener Satz vertraut sein, mit dem der traurige Titelheld das Unheil in nässenden Gang setzt: «Und nun komm, du alter Besen! / Nimm die schlechten Lumpenhüllen; bist schon lange Knecht gewesen: Nun erfülle meinen Willen!» Mit ein bisschen Fantasie könnte Villazón den Satz für sich reklamieren.
Er wäre dann also jener wackere Zauberlehrling, der sich auf dem Gebiete der Regiekunst ausprobieren darf, weil die alten Meister gerade außer Landes sind und weil seine Stimme, ein vormals edel-lyrischer Tenor, ebenfalls urlaubt. Er wäre aber, und hier liegt ein wenig die Krux der Angelegenheit, auch der Besen, der mit zunehmender Geschwindigkeit durch die Stube saust. Viel zu schnell für andere, viel zu schnell sogar für sich selbst. Der rasende Rolando-Besen gewissermaßen.
Dass die Kunst des Inszenierens eine hohe Kunst ist, scheint ihm dabei kein Arg. Egal. Ein Besen kehrt nötigenfalls so lange, bis nichts mehr übrig bleibt von dem Stück, das sich vor ihm auftürmt. Hauptsache, die Schenkel wackeln, das Tempo stimmt, kurz: der Effekt von der Sache. Die Sache ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Jürgen Otten
Nicola Raab hat im Dezember 2017 gezeigt, dass man Zandonais «Francesca da Rimini» nicht im Plüsch ertränken muss. Der «decadentismo» dieser blutigen Tragödie aus dem Jahre 1914 fokussiert auf Gewalt, wie sie so oft den Umgang zwischen den Geschlechtern konditioniert. In Straßburg hatte sich Raab die Perspektive der Titelheldin zu eigen gemacht. An der Mailänder...
Herrlich, diese Karikatur! Vier Komponisten (Siegfried Wagner, Max Reger, Richard Strauss, Eugen d’Albert) und ein Dirigent (Arthur Nikisch) stehen da, mehr oder minder gramgebeugt und recht ratlos, wie es scheint, um einen Flügel herum. Auf einem Stuhl davor ein Winzling, dessen zarte Füße nicht einmal im Traum an die Pedale reichen würden, dessen (bebrilltes)...
Das sind so Einfälle ... Im Brautgemach, als für Elsa und Lohengrins Glück schon alles zu spät ist, steht in der Mitte ein Riesenwecker auf fünf nach zwölf. Die beiden nehmen dann aber die Zeiger ab, mit dem einen wird Lohengrin gleich den eindringenden Telramund erstechen. Vorher aber versteigen sie sich in einem Fundus einwandfrei deutscher Kultur. Goethe,...
