Ideen stinken nicht

Zum zweiten Mal (nach 2010) ist Christian Gerhaher zum «Sänger des Jahres» gewählt worden – für seinen ersten, brennend genauen Wozzeck in Zürich. Irgendwann musste diese Partie ja kommen. Weil sie so gut zu ihm «passt»: Der Bariton ist nicht nur ein extrem textbewusster, sondern auch skrupulös reflektierender Interpret. Die Sunnyboys der Opernliteratur drängen sich da weniger auf. Dabei hat der gebürtige Niederbayer echte Buffo-Qualitäten. Was er vor einigen Jahren etwa als Eisenstein in der Frankfurter «Fledermaus» bewies. Sie zeigen sich auch in privatem Kreis, wenn er auf nie verletzende Weise Kollegen parodiert. Demnächst steht Mozarts Figaro ins Haus. Außerdem sind Verdis Posa und Simon Boccanegra verabredet.

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Herr Gerhaher, ist die Oper noch immer der andere Kontinent, von dem aus Sie gern ins heimische Lied zurückkehren?
Oper singe ich eigentlich schon sehr lang, so fremd kann die mir also nicht sein. Wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt – ob Handwerker, Universitätsprofessor oder Taxifahrer –, sage ich, ich sei Opernsänger. Bei «Sänger», glaube ich, vermuten viele eher Pop oder die Don Kosaken. «Opernsänger» erklärt sich von selbst.

Vor dem Zürcher «Wozzeck» gab es bestimmt schon viele Anfragen für diese Rolle.

Warum das Debüt erst vor einem Jahr?
Weil ich mich vorher nicht getraut habe. Und auch bei der Vorbereitung auf die Zürcher Premiere dachte ich mir: Ich kann das nicht, ich schaff das nicht. Merkwürdigerweise hätte ich aber, im Rückblick besehen, andere Rollen eher ablehnen sollen. Der Wozzeck, so glaube ich, hat sich als das Richtige herausgestellt. Die Partie, das war mir vor Probenbeginn immerhin klar, kann ja ­eigentlich kein Sänger ganz erfüllen, allein was den Ambitus betrifft. Es gibt darüber hinaus vielfältigste Anforderungen. In den Notationen ist eine so weitgehende Fantasie Alban Bergs erkennbar, dass – wenn man mal die Wozzeck-Darsteller vergleicht – extreme und ...

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Opernwelt Jahrbuch 2016
Rubrik: Sänger des Jahres, Seite 28
von Markus Thiel

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