Hochgradig aktuell
Wieso steht im Bauhaus-Jubiläumsjahr Paul Hindemiths «Cardillac» eigentlich nicht viel öfter auf den Spielplänen? Lediglich in Antwerpen gab es eine Neuproduktion. In Deutschland hat sich nur das Theater Hagen daran erinnert, dass die Uraufführung 1926 in die Blütezeit des Bauhauses fiel, als der Komponist enge Beziehungen zu der Bewegung pflegte. Tatsächlich ist «Cardillac» ein diese Zeit irritierend erhellendes Werk.
Spröde und knapp, oszilliert es zwischen einer Formensprache, die mit ihren Anleihen an Fugen- und Passacaglia-Mustern auch als Bauhaus-Barock bezeichnet wird, rotzigen Jazzanklängen und spätromantischen Ausbrüchen, die sich produktiv an Ferdinand Lions pathossattem Libretto reiben. Unter der neusachlichen Oberfläche lässt «Cardillac» auch den brodelnden Subtext klingen und erlaubt exemplarisch einen anderen Blick auf jene widersprüchliche Epoche zwischen aufgeklärtem Fortschritt und aufkeimender Radikalisierung.
Diesen Widerspruch nahm Hindemith intuitiv auf, indem er ein genuin romantisches Sujet – E.T.A. Hoffmans Novelle «Das Fräulein von Scuderi» von 1819 – mit den Mitteln der neuen Sachlichkeit kurzschloss. In Hagen spielt man die kompakte erste Version aus ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Regine Müller
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