Priesterin und Streunerin: Sondra Radvanovsky (Norma) und Joyce DiDonato (Adalgisa); Foto: Met/Ken Howard
Hinreißend ausgelotet
Seit dem Umzug ins Lincoln Center 1966 hat die Met erst zwei «Normas» herausgebracht (1970 und 2001) – in Sachen Düsternis und Unbeweglichkeit stand die eine der anderen nicht nach. Jetzt hat David McVicar einen neuen Versuch unternommen. Die Bühne zeigt ein waldig-nebliges Gallien, das nach «Game of Thrones» aussieht. Das erste Bild ließe sich auch als Caspar David Friedrich-Version von Hernes Eiche beschreiben. Licht ins Dämmerdunkel bringt Paule Constable mit einigen einfallsreichen Einstellungen. So weit, so konventionell.
Statisch geht es im Gegensatz zu den Vorgänger-Produktionen allerdings ganz und gar nicht zu – im Gegenteil: Immer wieder stört plumpe Betriebsamkeit die Massenszenen. Norma (ebenso wie die verblüffend präsente Adalgisa) muss sich in der Auftrittsszene am Boden winden. Dass McVicar Gefallen an knapp bekleideten Statisten findet, weiß man hinlänglich aus seinen Arbeiten. Aber müssen sie ausgerechnet zum zarten (und wunderbar gesungenen) Terzett «Qual cor tradisti» Planken auf die Bühne wuchten?
Derlei ärgert. Doch auf eins versteht sich der Regisseur hervorragend: das feinfühlige Ausloten der menschlichen Beziehungen im zentralen Liebesdreieck. Mit den ...
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