«Hingabe ist wichtiger als technische Präzision»

Was soll Oper, wenn sie nicht das Herz erreicht? So lautet das Credo von Rosemary Joshua. Mit Jörg Königsdorf sprach sie über Frauenrolle(n) in der Oper, technische Präzision und moderne Regieansätze.

Opernwelt - Logo

Mrs Joshua, in Robert Carsens Produk­tion von Händels «Semele» haben Sie das berühmte «Oh sleep, why dost thou leave me» nackt gesungen. Hat Sie das Überwindung gekostet?
Einfach war das für mich nicht. Schließlich ging ich in dieser Szene völlig nackt zur Seitenbühne ab, wo immer eine Menge Leute standen und glotzten. Aber in der Situation war es einfach unumgänglich: Schließlich kommt Semele ­gerade aus Jupiters Bett und geht nach ihrem Arioso wieder zu ihm – das hätte im Nachthemd wohl kaum überzeugend gewirkt.

Dass ich die Szene dann gemacht habe, liegt allerdings auch an Robert Carsen: Ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann und er mich auf der Büh­ne nie peinlich aussehen lassen würde.

Die Szene war allerdings gar nicht in ers­ter Linie sexy, sondern eher berührend und intim.
Das sollte sie auch sein. Die Herausforderung an den Regisseur wie an mich als Sängerin ist es doch, Semele nicht als miese Schlampe, sondern als verletzliches Geschöpf, als Opfer ihrer eigenen Wunschträume zu zeigen. Deshalb darf auch die Arie «Myself I shall adore» kein bloßes Koloraturfeuerwerk sein, sondern muss das Publikum verführen. Die Leute müssen erst mit Semele lachen, damit sie später über ihr ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2008
Rubrik: Interview, Seite 42
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bedingt prickelnd

Vor etwas mehr als drei Jahrzehnten brachte David Cronenberg den Film «The Fly» heraus. Darin entwickelt der ehrgeizige Biochemiker Dr. Brundle die Technik der «Teleportation». Vermittels dieser werden komplexe Substanzen, später auch Lebewesen atomisiert, die Elementarteilchen per Funk verschickt und am Zielort wieder zusammengesetzt. Brundle, der näher mit einer...

Ohne Verfallsdatum

Das diskografische Erbe des Tenors Peter Anders, der sich mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode noch ungebrochener Popularität erfreut, ist beeindru­ckend: Rund fünfhundert Aufnahmen, die Rundfunkproduktionen mitgerechnet, sind erhalten, ein großer Teil davon wurde auf CD recycelt. Neues zu entdecken gibt es bei diesem Sänger also kaum, aber das...

Toscanini!

Ein tönender Überfall. Kopfüber stürzt sich das Orches­tre philharmonique de Strasbourg in diesen «Fidelio». Das Fanfarenmotiv am Beginn der Ouvertüre: wie ein Startschuss, schnell, fast schon hastig, alles beiseite drückend, keinen Einwand duldend, basta. Der Straßburger Beethoven-Tonfall ist eher harsch, wie abgerissen, schmucklos drängend, ja, dringlich, Verve...