Heilige Stuhlprobe
Will man im Internet flugs «Komplexität» bebildern, so finden gerne riesige vollgekritzelte Tafeln Verwendung. Ein bisschen schwingt auch immer traurig die «Einsamkeit des Genies» mit, wird man solcher Kreidekrümel auf grünem Grund gewordener – meist mathematischer – Gedankenströme ansichtig (Cineasten denken in diesem Moment vielleicht an den Film «A Beautiful Mind» von 2001, in dem es zu derlei deduzierenden Exzessen kommt).
Eine solche übergroße – an der Oper Frankfurt jetzt ins grotesk Riesenhafte gezogene – Tafel voller Hieroglyphen füllt bereits als Projektion vor Beginn die gesamte Bühne. Bühnenbildner Kaspar Glarner erinnert damit an einen der Grundkonflikte von Richard Wagners «Die Meistersinger von Nürnberg»: die Dialektik von (mahnend eingeforderter) Regelkonformität und gewähren lassender Innovationsoffenheit. Wagner hat sich in diese furiose «Operette mit ‹Tristan›-Tiefgang» auf zweierlei Weise mit hineingeschrieben. Er erscheint aufgespalten zwischen Neuling und Rebell Walther von Stolzing, dessen Kopf neutönende Melodien und Texte zur gleichen Zeit entspringen, und Hans Sachs, dem legendären Schuster-Dichter, der einerseits die Regeln kennt, diese jedoch zu ...
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Opernwelt 12 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Arno Lücker
arte
03.12. – 08.45 Uhr Das Land der Sänger
Gesang gehört zum Leben der Bewohner Lettlands wie die Flüsse und das Meer. Ob auf dem Land oder in der Hauptstadt Riga: Tausende begeisterte Lettinnen und Letten singen in unterschiedlichen Chören die traditionellen Volkslieder, die von der klaren Schönheit und Poesie ihrer Heimat erzählen. Vor rund 25 Jahren, während...
Den Tod sterben wir bekanntermaßen allein: Violetta windet sich auf dem nackten Boden des Bühnenrands – da ist der Vorhang längst gefallen –, nur der empfindungslose Blick des Conférenciers in der Loge haftet auf ihr. Verflogen sind Rausch und Glanz des Varietés, verschwunden ist das Partyvolk. Mit diesem Schlussbild setzt Barbora Horáková Joly eine treffsichere...
Nun also auch Basel. Mehr als 40 trübe Jahre lang hat man Wagners «Ring» in der schmucken Universitätsstadt nicht mehr gesehen. Und weil Benedikt von Peter, Intendant des dortigen Theaters, das Großformatig-Diskursive liebt, begnügt er sich nicht einfach mit einer Neuinszenierung der Tetralogie, sondern stockt die ambitionierte Unternehmung gleich zu einem...
