Heilige Stuhlprobe
Will man im Internet flugs «Komplexität» bebildern, so finden gerne riesige vollgekritzelte Tafeln Verwendung. Ein bisschen schwingt auch immer traurig die «Einsamkeit des Genies» mit, wird man solcher Kreidekrümel auf grünem Grund gewordener – meist mathematischer – Gedankenströme ansichtig (Cineasten denken in diesem Moment vielleicht an den Film «A Beautiful Mind» von 2001, in dem es zu derlei deduzierenden Exzessen kommt).
Eine solche übergroße – an der Oper Frankfurt jetzt ins grotesk Riesenhafte gezogene – Tafel voller Hieroglyphen füllt bereits als Projektion vor Beginn die gesamte Bühne. Bühnenbildner Kaspar Glarner erinnert damit an einen der Grundkonflikte von Richard Wagners «Die Meistersinger von Nürnberg»: die Dialektik von (mahnend eingeforderter) Regelkonformität und gewähren lassender Innovationsoffenheit. Wagner hat sich in diese furiose «Operette mit ‹Tristan›-Tiefgang» auf zweierlei Weise mit hineingeschrieben. Er erscheint aufgespalten zwischen Neuling und Rebell Walther von Stolzing, dessen Kopf neutönende Melodien und Texte zur gleichen Zeit entspringen, und Hans Sachs, dem legendären Schuster-Dichter, der einerseits die Regeln kennt, diese jedoch zu ...
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Opernwelt 12 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Arno Lücker
Offenbach ist in unseren so unfest gewordenen Tagen besonders offen spielbar», schrieb Ernst Bloch vor bald einhundert Jahren über Jacques Offenbachs «Les Contes d’Hoffmann». Das scheint auch die Regisseurin Andrea Schwalbach gedacht zu haben und ließ sich von Anne Neuser einen perspektivisch leicht schräg versetzten Salon aus dunkel gebeiztem, massivem Holz bauen...
Es stürmt und bläst, drum sucht das Schiff von Daland
In einer Bucht nach Schutz und trifft dort bald
Ein Boot voll toten Jungs, die – ganz schön alt –
Sofort (sei es nun hier, sei es im Saarland)
Die ew’ge Ruh’ umarmen würden, doch
Dazu bedarf es einer Frau, der Senta,
Und keinem Schatz, nicht Obst, auch nicht Polenta,
Drum macht man einen Deal, doch: Och!
Da ist...
Stück-Werk» hieß das Ziel, das der Stuttgarter Opern-Intendant Klaus Zehelein 1997 ausgab, nachdem er sich mit dem für die geplante Neuinszenierung von Wagners «Ring des Nibelungen» vorgesehenen Regisseur Johannes Schaaf zerstritten hatte und eine andere Lösung suchte. Dass das Ganze das Unwahre sei, hatte er einst bei Adorno gelernt. «Wagners Arbeit am Ring», so...
