Handwerk des Lebens
Der knapp zwei Jahrzehnte ältere «Palestrina» von Hans Pfitzner inkorporiert eigentlich eher die Grünewald’sche Flügelaltar-Gestalt. Aber eine deutliche Zeitspanne nach dem Ersten Weltkrieg war ein symmetrisch gebauter Dreiakter auch als Wagner-Reminiszenz obsolet. Hindemiths «Mathis der Maler» ähnelt also mehr dem offeneren dokumentarischen Stil von Mussorgskys epischen Volksopern, mochte sich aber auch verwandt empfunden haben den szenischen Oratorien Honeggers und Strawinskys, der Dramaturgie Brechts.
Im Kondensat der «Mathis»-Symphonie ist der Bezug zur Dreiteiligkeit ohnedies aufbewahrt. Und es sind drei große musikalische (deutsche) Künstlerdramen – Busonis nicht ganz beendeter «Doktor Faust» aus den 20er-Jahren gehört noch dazu –, die als Klammern zwischen Romantik und Moderne eine anspruchsvolle geistige Topografie entwerfen.
Die Oper Hindemiths ist zudem – neben Kreneks «Karl V.» – der gewichtigste aktuelle Reflex auf die nazistische Barbarei. Als resignative Selbstvergewisserung einer aus dem Weltgetriebe sich zurückziehenden Künstlerschaft reproduziert Hindemith beinahe die Handlungsdynamik des «Palestrina» – mit dem erheblichen Unterschied, dass der Maler, ehe er ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Hans-Klaus Jungheinrich
Auf dem Cover eine frech-barocke Heroine: Das lässt auf lebendigen Inhalt schließen – und die Erwartung erfüllt sich. Selten wird Wissen, oft auch Grundlagenwissen, zur Oper so farbenfroh dargeboten wie in diesem Taschenbuch. Ein erster Abschnitt klärt Basisfragen: Aus was besteht Oper und wie ist sie gemacht? Ab dem zweiten Abschnitt geht es ins Detail: Welches...
Frau Chevalier, mögen Sie Medea?
Ja. Und nicht nur, weil sie eine mythische Figur ist. Sondern auch, weil sie wahnsinnig interessant ist. Weil sie so viele Facetten in sich trägt, weil sie ein inneres Gesicht hat. Medea wird im Verlauf ihrer Geschichte Mensch. Man kann sie, ihr Handeln, verstehen, weil es uns als menschliches Handeln begegnet. Ja, ich habe Sympathie...
Das Werk: ein Problemfall. Bereits sein Schöpfer ächzte 1814 zum Librettisten Treitschke hinüber: «Die Oper erwirbt mir die Märtyrerkrone.» Beethoven irrte nicht. Bis heute stellen sich Regisseuren viele Fragen: Wie den drei Fassungen und den vier Ouvertüren begegnen, den hölzernen Dialogen? Dem dramaturgischen Bruch zwischen Singspiel, heroischem Musikdrama und...
