Große Oper mit kleinen Leuten
Mit seiner 1817 uraufgeführten «Diebischen Elster» schuf Gioacchino Rossini sozialistisches Musiktheater, lange bevor es den Sozialismus gab: Die Heldin dieses melodramma, das Dienstmädchen Ninetta, stammt nicht bloß aus der untersten Gesellschaftsschicht, sondern nimmt für ihre Gefühle auch noch die große Arienform in Besitz, die bis dahin weitgehend der Upperclass vorbehalten war.
Tatsächlich ist das auf einer wahren Begebenheit beruhende Stück eine einzige Anklage gegen obrigkeitliche Willkür und handelt dreieinhalb Stunden lang von Standesdünkel, Korruption und unmenschlicher Justiz. Die Zeitgenossen Rossinis dürften sich durchaus der Tatsache bewusst gewesen sein, dass die Geschichte im reaktionären Klima der postnapoleonischen Ära auch ohne das in allerletzter Minute herbeigeführte lieto fine enden könnte.
Trotz ihres putzigen Titels gehört die «Elster», deren zweiter Akt übrigens durchweg an so tristen Schauplätzen wie Kerker, Gerichtssaal und Schafott spielt, in das geistige Umfeld von Beethovens «Fidelio». Tatsächlich könnte man im Bühnenbild der letztjährigen Inszenierung im Palasport von Pesaro auch problemlos Beethovens Befreiungsoper spielen: Der italienische ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das wagemutige und entdeckungsfreudige Festival della Valle d’Itria hat im vergangenen Jahr zwei weitgehend unbekannte Nebenwerke von Pietro Mascagni und Umberto Giordano szenisch wiederentdeckt, die aus einer Zeit stammen, als sich beide Komponisten von ihren veristischen Anfängen längst losgelöst hatten. Die Mitschnitte auf CD, die jetzt bei Dynamic...
Die ganze Welt ist grau. Wie eine unüberwindbare, gleichwohl atmende Wand erstrecken sich die Plastikbahnen zur Rechten und zur Linken der Bühne, die Paul Zoller ersonnen; straff gespannt und anthrazit schimmernd auf der Rückseite. Nimmt man nun noch die an der Decke befestigten Neonröhren hinzu, ergibt sich das Bild eines kühl-kargen, unbewohnten Ortes. Es ist...
Dem neuen «Don Carlo» der Royal Opera in London kann man sich auf zwei verschiedenen Wegen nähern. Der eine geht ungefähr so: Rolando Villazón, Tenorissimo der Stunde, krönt nach mehrmonatiger Indisposition bei seinem ersten Bühnenauftritt ein Spitzenensemble in einer prachtvollen Produktion von Verdis Spanien-Drama, deren Mastermind «die einflussreichste...
