Grammatik der Schöpfung
61 Jahre können eine halbe Ewigkeit sein, mitunter reichen sie für ein ganzes Leben oder sogar für zwei, das Schicksal, der Zufall oder der (liebe?) Gott haben manchmal merkwürdige Pläne mit uns Menschenkindern. Diese Unwägbarkeit muss man sich kurz einmal vor Augen führen, wenn man auf jemanden stößt, der 61 Jahre lang mit größtmöglicher Hingabe derselben Tätigkeit nachgeht – jemanden wie Olivier Messiaen: Von 1931 bis 1992 «bediente» er die Orgel in der Eglise de la St. Trinité an der Place d’Estienne d’Orves im neunten Pariser Arrondissement.
Und das im buchstäblichen Sinn des Wortes: Er versah diesen Dienst aus Überzeugung, aus einem tiefen Glauben heraus, mit spiritueller Inbrunst. Er tat es für Gott.
Als Rolf Liebermann, Intendant der Pariser Oper, Mitte der 1970er-Jahre nach mehreren kommunikativen Anläufen Messiaen endlich die Idee schmackhaft gemacht hatte, eine Oper zu schreiben, war dem französischen Komponisten sogleich klar, dass es sich um ein religiöses Werk handeln müsse. Seine Weltanschauung war eng verknüpft mit seinen ästhetischen Idealen, das verdeutlicht allein ein Satz Messiaens, in dem er Sinn und Wesen der Künste beschrieb. Diese würden es erlauben, «in Be ...
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Opernwelt Jahrbuch 2023
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 76
von Jan Verheyen
Georg Friedrich Händels «Hercules» an der Oper Frankfurt war in der Inszenierung von Barrie Kosky ein Triumph für die Sängerin Paula Murrihy als Dejanira – und für den Chor. Das liegt einerseits an Händel, der ihm eine so reflektierende, empathische, neugierige Rolle gibt, wie es einem (wenn auch opernnahen) Oratorium geziemt. Das liegt andererseits am Regisseur,...
Das Leben von Maria Callas scheint in seinen vorgeblichen Tatsachen «auserzählt» zu sein. Helge Klausener hat dieses Jahr gar ein Buch herausgebracht («Maria Callas. Tag für Tag – Jahr für Jahr. Eine Chronik», Hollitzer Verlag 2023), das sich vornahm, alle vorhandenen Zeugnisse, Lebensdaten und Aufnahmen im Zusammenhang mit der Callas derart sortiert zu...
Die Oper ist als Geschichte durchaus lebendige Musik, als Genre heute aber völlig unzeitgemäß. Es ist Wahnsinn, nach Wozzeck eine Oper kom -ponieren zu wollen.» Diese Äußerung Mauricio Kagels aus dem Jahr 1971 formuliert bündig, welche Rolle das Musiktheater für die junge, um Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen gescharte Komponistengeneration der...
