Ein Kind ihrer Zeit
Wie wohl ihr Social-Media-Account heißen würde? «@LaDivina» oder «@Mariacallas»? Oder einfach nur «@Maria»? Und wer würde ihn betreuen? Das Management, die Plattenfirma, sie selbst? Womöglich gäbe es die neuesten Roben zu sehen, Schnappschüsse von den Proben, gestellte Aufführungsfotos oder Privates mit dem aktuellen Lebensabschnittsgefährten, manchmal auch kleine Videos. Doch stopp: Spätestens in diesem Augenblick dürfte nicht nur der Hardcore-Fan abwinken. Denn letztlich wäre das alles unvorstellbar, vielleicht auch unwürdig aus Sicht der Callas, überflüssig, stillos.
Eine Klaviatur der Öffentlichkeitswirksamkeit, auf der sie es nicht nötig gehabt hätte zu spielen. Oder etwa doch?
Ein Gedankenexperiment jedenfalls, vor dem insbesondere Historiker Abscheu empfinden. «Was wäre, wenn?» – es ist die verbotene Frage. Kein Mensch kann sie auch nur halbwegs und mit überprüfbarer Substanz beantworten. Das Experiment zielt aber weniger auf einen objektiven Beweis. Es geht vielmehr um den Kontrast, um den Vergleich. Um die Vergegenwärtigung einer Karriere, die tatsächlich, wenigstens dies sollte als gesichert gelten, wie keine zweite war. Eine solche Laufbahn, genau darum geht es, war und ...
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Opernwelt Jahrbuch 2023
Rubrik: La divina, Seite 89
von Markus Thiel
Das Leben von Maria Callas scheint in seinen vorgeblichen Tatsachen «auserzählt» zu sein. Helge Klausener hat dieses Jahr gar ein Buch herausgebracht («Maria Callas. Tag für Tag – Jahr für Jahr. Eine Chronik», Hollitzer Verlag 2023), das sich vornahm, alle vorhandenen Zeugnisse, Lebensdaten und Aufnahmen im Zusammenhang mit der Callas derart sortiert zu...
Herr Freyer, Sie arbeiten auch im Alter unverändert viel und konzentriert. Wie war Ihr Tag heute?
Er war schöpferisch, aber nur für den Körper und fürs Gemüt. Meine Frau und ich haben einen frühen Spaziergang gemacht, aber da fing es wieder an zu regnen. Man arbeitet ja trotzdem, man kann es gar nicht lassen. Es macht so viel Spaß.
Ist Italien auch für Sie die...
Als im vergangenen Jahr Christoph Menkes «Theorie der Befreiung» erschien, musste man bei der Lektüre gleich zu Beginn schlucken. Denn die Diagnose des Frankfurter Philosophieprofessors war beileibe nicht dazu angetan, Hoffnungsfunken zu versprühen: «Wir leben in einer Zeit gescheiterter Befreiungen.» Das war starker Tobak, der sich nur wenige Zeilen später noch...
