Göttlicher Zorn
Einer der herrlichsten Einstiege des Theaters findet sich in George Taboris schwarzhumorigen «Goldberg-Variationen». Auf einer schwarzen Leinwand erscheint in weißer Leuchtschrift der Satz «Gott ist tot. (Nietzsche)». Kurz darauf erlischt die Schrift. Pause, Dunkel. Dann erneut ein Satz, diesmal unterzeichnet vom Ausgelöschten höchstselbst: «Nietzsche ist tot.» Was beweist: Gott ist da. Aber wir sehen ihn nicht.
Auch der Gott in diesem Musikdrama ist zunächst unsichtbar.
Seine Existenz gleichwohl bewiesen – durch eine hypnotisierende Tenorstimme, die aus den Umlaufbahnen des zweiten Ranges herniederschwebt und uns umhüllt wie ein Schleier aus unsagbarer Schönheit: Synonym für Verlockung, Verführung, Verheißung. Nach nichts anderem dürstet Dionysus (Sean Panikkar). Er will, um seine eingeäscherte Mutter Semele zu rächen, all jene, die seinem kaltglänzenden Gesang lauschen, herausreißen aus ihrer beschwerlich-sterblichen Existenz. Sie berauschen. Entzücken. In (orgiastische) Gefilde verrücken, wo es nichts gibt als Wein und Wahn.
Hans Werner Henze zögerte keinen Augenblick, als ihm die Salzburger Festspiele den Auftrag erteilten, die «Bakchen» von Euripides zu vertonen, jenes ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Als Zeitreise durch die Aufführungsgeschichte des «Fidelio» hatte Paul-Georg Dittrich Beethovens Befreiungsdrama 2018 am Theater Bremen auf die Bühne gebracht. Acht historische Inszenierungen ließen der Regisseur und die Bühnenbildnerin Lena Schmid in einem musealen Guckkasten wiederauferstehen. Von der Wiener Uraufführung (1814) spannte sich der Bilderbogen über...
Nach gut einer Stunde wird das erste Schwefelhölzchen gezündet, und auf einmal ist alles anders. Warmes Licht fällt auf die Szene, die sonst wie vor Kälte erstarrt, und auf der Bühne des Zürcher Opernhauses wird es lebendig. Als wäre das «kleine, arme Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen» einen «Ritsch» lang eine Heilige, so wird es von einer Schar auf...
Dass er für seine erste Oper als Sujet das längste, rätselhafteste Märchen seines Landsmannes Hans Christian Andersen wählte, lag irgendwie auf der Hand. Diese wunderliche Winterreise zweier Kinder, die in ein Fabelreich aus Eis und Schnee führt, mit sprechenden Pflanzen und Tieren, einer Zauberin, Prinz und Prinzessin. Diese in einfachen Sätzen geronnene...
