Göttlicher Zorn
Einer der herrlichsten Einstiege des Theaters findet sich in George Taboris schwarzhumorigen «Goldberg-Variationen». Auf einer schwarzen Leinwand erscheint in weißer Leuchtschrift der Satz «Gott ist tot. (Nietzsche)». Kurz darauf erlischt die Schrift. Pause, Dunkel. Dann erneut ein Satz, diesmal unterzeichnet vom Ausgelöschten höchstselbst: «Nietzsche ist tot.» Was beweist: Gott ist da. Aber wir sehen ihn nicht.
Auch der Gott in diesem Musikdrama ist zunächst unsichtbar.
Seine Existenz gleichwohl bewiesen – durch eine hypnotisierende Tenorstimme, die aus den Umlaufbahnen des zweiten Ranges herniederschwebt und uns umhüllt wie ein Schleier aus unsagbarer Schönheit: Synonym für Verlockung, Verführung, Verheißung. Nach nichts anderem dürstet Dionysus (Sean Panikkar). Er will, um seine eingeäscherte Mutter Semele zu rächen, all jene, die seinem kaltglänzenden Gesang lauschen, herausreißen aus ihrer beschwerlich-sterblichen Existenz. Sie berauschen. Entzücken. In (orgiastische) Gefilde verrücken, wo es nichts gibt als Wein und Wahn.
Hans Werner Henze zögerte keinen Augenblick, als ihm die Salzburger Festspiele den Auftrag erteilten, die «Bakchen» von Euripides zu vertonen, jenes ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
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Hier und heute: Damiano Michieletto und sein Team – Paolo Fantin (Bühne), Agostino Cavalca (Kostüme) und rocafilm (das für die Videos verantwortliche Künstlerduo Roland Horvath und Carmen Zimmermann) – schließen Donizettis Dramma buffo an die Gegenwart an: Don Pasquale erfährt vom Ehevertrag der angeblich im Kloster aufgewachsenen Sofronia (hinter der sich die...
Dass er für seine erste Oper als Sujet das längste, rätselhafteste Märchen seines Landsmannes Hans Christian Andersen wählte, lag irgendwie auf der Hand. Diese wunderliche Winterreise zweier Kinder, die in ein Fabelreich aus Eis und Schnee führt, mit sprechenden Pflanzen und Tieren, einer Zauberin, Prinz und Prinzessin. Diese in einfachen Sätzen geronnene...
