Gestaute Zeit
Dunkel soll es klingen, das Eisentor, das sich zu Beginn des vierten Aktes schließt. Verlauf und Zeitwerte dieses Sounds sind genau notiert, bis auf den letzten Akzent einer (sonst stummen) Quintole. Fortschreitend in Tontrauben zwischen dreifachem piano und forte. Dann mischt sich Gemurmel einer Menschenmenge in die rund um das Auditorium des Genter Opernhauses installierten Lautsprecher. Von Wind verweht, von beckensirrendem Gewölk vernebelt. Ein Zug kreuzt die virtuelle Klanglandschaft, ein Vogel flattert auf, rollende Kugeln aus Metall, aus Holz.
Zum ersten Mal während des zweieinhalbstündigen Exerzitiums der gestauten, angehaltenen Zeit, das Chaya Czernowin in «Infinite now», ihrer (nach «Pnima» und «Adama» zu Mozarts «Zaide») dritten, bislang komplexesten Arbeit für das Musiktheater ausformuliert, verschmelzen hier die Sängertrios, die zwei verschiedenen Sphären zugeordnet sind: das eine (Sopran, Alt, Bass) Texten aus dem Stück «Front» (2014), in dem Luk Perceval mit Soldatenbriefen und Auszügen aus Erich Maria Remarques Roman «Im Westen nichts Neues» an das Pandämonium des Ersten Weltkriegs erinnert; das andere (Mezzo, Counter, Bariton) einer hermetisch-surrealen Erzählung ...
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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Albrecht Thiemann
Die «Generation Praktikum» hat längst die Opernhäuser erreicht. Früher war das anders, da wurde man einfach ins Wasser geworfen: Adelina Patti war bei ihrem Bühnendebüt gerade mal 16, Lilli Lehmann nur ein Jahr älter, Anna von Mildenburg und Astrid Varnay standen mit 23 erstmals auf den Brettern, beide in der «Walküre» – Mildenburg 1895 als Brünnhilde in Hamburg...
Giacomo Puccinis «Tosca» gehört zu den ziemlich unverwüstlichen Opern, überlebt Regiequark und szenische Monstrositäten, egal ob Zeffirelli oder einen Ben-Willikens-Betonbunker, stimmt nur die Besetzung und waltet im Graben ein Dirigent mit Theaterblut. Zutaten, mit denen sich Repertoireaufführungen, aber auch Festspiele bestreiten lassen. In Baden-Baden haben die...
Das Schlimmste, so pflegte René Kollo zu stöhnen, sei doch der erste «Tannhäuser»-Akt. Und am allerschlimmsten muss es sein, wenn drei Stunden später der finale Monolog des Titelhelden wartet, für den Wagner freilich eine (und gern genutzte) Interpretationsmöglichkeit offenhält: Man kann die «Rom-Erzählung» auch wunderbar deklamieren. Dramatik, Expressives,...
