Gespenster, so nahe
Manchmal, meist unerwartet, passiert das. Die Welt hält inne. Hört nur noch nach innen, lauscht dem feinen Wispern der Seelen, das der Lärm draußen für gewöhnlich übertönt. Das fis-Moll-Duett «Io t’abbraccio» könnte ein solcher Moment sein. Kaum ein Stück Händels ist derart zerbrechlich wie dieses «Larghetto». So berührend schön in seinem Schmerz. Zwei Liebende sind darin vereint, für siebeneinhalb Minuten.
In auf- und niederwogenden, mal sich umkreisenden, mal ineinander verschlingenden Terzen besingen sie ihre Seligkeit – wohlwissend, dass diese, sobald sie aufhören zu singen, ein Ende hat. Lucy Crowe ist Rodelinda, die entthronte Königin, Bejun Mehta Bertarido, ihr heimlich heimgekehrter Gatte. Getrennt durch eine klaffende Lücke, stehen sie auf der ersten Etage des mediterranen Landhauses, das Christian Schmidt ihnen gebaut hat, einander gegenüber, den Abgrund zwischen sich, und singen ihr Les Adieux mit einer Intensität, die kaum auszuhalten ist, auch deshalb, weil Ivor Bolton und das Orquestra Titular del Teatro Real die Szene mit der größtmöglichen musikalischen Empfindungskraft füllen.
Musik selbst ist schon Theater. Ja. Aber nicht genug. Also erfindet Claus Guth in ...
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Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
JUBILARE
Philippe Herreweghe kam 1947 in Gent zur Welt und absolvierte sein Abitur am örtlichen Jesuitenkolleg. Danach studierte er am Konservatorium seiner Heimatstadt bei Marcel Gazelle (Klavier), Johan Huys (Cembalo) und Gabriel Verschraegen (Orgel). Der musikalischen Ausbildung schloss sich eine wissenschaftliche in den Fächern Medizin und Psychiatrie an. 1970...
Albrecht Puhlmann setzt gleich im ersten Jahr seiner Intendanz kräftige neue Akzente am Nationaltheater. Nach Händels «Hercules», einer Revue von Mischa Spoliansky und einem szenischen Liederabend hatte jetzt Monteverdis «Ulisse» (als Mannheimer Erstaufführung!) Premiere. Das musikalische Drama um den antiken Kriegsheimkehrer beginnt furios mit dem Prolog der...
Als sich zur Ouvertüre der Vorhang im Auditorium de Dijon hebt, glimmt Hoffnung auf: neues Konzept! Eine Rückblende deutet darauf hin, dass Sarastro eigentlich Paminas Vater ist und Papageno deren früh verlassener Bruder. Die Handlung spielt nach einer Umweltkatastrophe: Die Welt ist zur Wüste geworden, sämtliche Relikte der kapitalistischen Wirklichkeit liegen...
