Gespenster, so nahe

Händels «Rodelinda» in Madrid: Ivor Bolton und Claus Guth erzählen ein Drama der Obsessionen

Manchmal, meist unerwartet, passiert das. Die Welt hält inne. Hört nur noch nach innen, lauscht dem feinen Wispern der Seelen, das der Lärm draußen für gewöhnlich übertönt. Das fis-Moll-Duett «Io t’abbraccio» könnte ein solcher Moment sein. Kaum ein Stück Händels ist derart zerbrechlich wie dieses «Larghetto». So berührend schön in seinem Schmerz. Zwei Liebende sind darin vereint, für siebeneinhalb Minuten.

In auf- und niederwogenden, mal sich umkreisenden, mal ineinander verschlingenden Terzen besingen sie ihre Seligkeit – wohlwissend, dass diese, sobald sie aufhören zu singen, ein Ende hat. Lucy Crowe ist Rodelinda, die entthronte Königin, Bejun Mehta Bertarido, ihr heimlich heimgekehrter Gatte. Getrennt durch eine klaffende Lücke, stehen sie auf der ersten Etage des mediterranen Landhauses, das Christian Schmidt ihnen gebaut hat, einander gegenüber, den Abgrund zwischen sich, und singen ihr Les Adieux mit einer Intensität, die kaum auszuhalten ist, auch deshalb, weil Ivor Bolton und das Orquestra Titular del Teatro Real die Szene mit der größtmöglichen musikalischen Empfindungskraft füllen.

Musik selbst ist schon Theater. Ja. Aber nicht genug. Also erfindet Claus Guth in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Geist und Gefühl

Der Bogen spannt sich von «Nabucco» zu «La Damnation de Faust». Mit einer Verdi-Premiere hatte die zehnjährige Amtszeit des Bremer GMD Markus Poschner im Oktober 2007 begonnen, jetzt endet sie mit einer musikalisch gelungenen Präsentation der Berlioz’schen Goethe-Adaption. Ein symbolträchtiger Weg, der auch die stetige Weiterentwicklung der Bremer Philharmoniker zu...

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Sterben? Für eine schlechte Sache? Nein, sagt der Dichter und schreibt ein Poem, welches sich gegen die Gräuel des Ersten Weltkriegs richtet, zugleich aber grundsätzlich nach dem Wesen von Leben und Tod fragt. Man schrieb das Jahr 1917, da lieferte Puccinis Librettist Giuseppe Adami die Vorlage für das Lied «Morire?». Dieser nutzte es zu einem leidenschaftlichen...

Maximal sinnenfreudig

Mit Antonio Cestis «L’Orontea», einem Stück über die Liebesirrungen und -wirrungen rund um die titelgebende ägyptische Königin, hat die Frankfurter Oper 2015 eine der erfolgreichsten Opern des 17. Jahrhunderts auf die moderne Bühne geholt und große Resonanz bei Publikum wie Kritik gefunden (OW 3/2015). Dass die Begeisterung, die diese Aufführung auslöste, nicht vor...