Editorial Juli 2021

Der Witz ist alt, aber nach wie vor gut, und er geht so: Drei Herren sitzen droben auf der Himmelswiese lorbeerumkränzt beieinander und debattieren darüber, wer von ihnen zu Lebzeiten der größte Dirigent aller Zeiten gewesen sei. Als Erster führt Karl Böhm das Wort. Und erzählt den beiden anderen eine staunenswerte Geschichte: Gott höchstselbst sei ihm im Traum erschienen und habe ihm bedeutet, er, also Karl, sei der größte Dirigent aller Zeiten. «Seltsam», erwidert da Leonard Bernstein.

Er habe exakt denselben Traum gehabt, allerdings mit dem Unterschied, dass ihm der liebe Gott gesagt habe, er allein, also Lenny, verdiene die Auszeichnung. Eine Weile herrscht Schweigen, dann erhebt Herbert von Karajan machtvoll-dröhnend seine Stimme: «Sie irren, meine Herren. Ich habe nichts dergleichen gesagt.»

Es ist noch gar nicht so lange her, da galten Dirigenten in der Tat als Titanen des Taktstocks, als  unantastbare «Herrscher der Welt» (Elias Canetti). In den letzten Jahren aber hat, zum Glück für uns alle, ein Umdenken eingesetzt. Nicht länger gilt der Mann am Pult (und, Gott sei’s geklagt, zu gering ist die Zahl der Frauen, die dort eine wichtige Rolle spielen, als dass man sie schon ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Apropos... Nostalgie

Frau Glojnarić, in Ihrer jüngsten Komposition #artefacts, die im Dezember vom «WDR» aufgezeichnet wurde, widmen Sie sich der Nostalgie. Ist das nicht ein plattgetretenes Thema?
Nun, in den 1970er-Jahren war Nostalgie wie der Tritonus im Barock: Sich damit auseinanderzusetzen, mit allem, was an das «bürgerliche Erbe» erinnert hat, ging gar nicht. Das hat sich sehr...

Folklorefrei

Es ist eine ruppige Romantik, die Laurence Equilbey am Pult des Insula orchestra in der deutschesten Oper des frühen 19. Jahrhunderts aufspürt. Ihre Tempi stürmen und drängen, die Artikulation ist forsch akzentuiert. Und die seinerzeit so kühnen Klangfarben sind in schärfster Deutlichkeit herausgearbeitet. Carl Maria von Weber widerfährt so eine ganz neue...

Wiener Gesamtkunstwerker

«Wien, Wien, nur du allein sollst stets die Stadt meiner Träume sein.» So jauchzend umschwurbelte einst Peter Alexander sein überirdisch fesches Paradies ewigen Frühlings- wie auch Liebesglücks – und der Himmel voller Geigen! Aber Wien wäre nicht Wien, hielte der obligate «Schmäh» im Song nicht auch die zynische Gegenwelt parat: «Vienna, Vienna, nur du allein,...