Gerettet und gerichtet
Die Bitte ist bündig, und sie ist unverhohlen drastisch: «Satan, herbei!», so prangt es auf dem winddurchtosten Banner vor dem Theater, und so steht es auch auf der Umschlagseite des Programmheftes zu Gounods «Faust». Verwundern darf dies nicht angesichts des maladen Zustands, in dem sich der tragische Titelheld anfangs befindet. Am Tropf hängt Doktor Faust, die Haare schlohweiß, das Krankenhemd zerknittert, die Seele vergiftet. Und Parkinson schüttelt ihn auch noch. So kann, so will er nicht weiterleben.
Doch die Hilfe steht schon bereit, in Gestalt eines geschniegelten, existenzialistisch schwarz gewandeten (und auch so klingenden) Méphistophélès. Einsam aber ist Valentin Anikin, einziger Gast in dieser Produktion, keineswegs. Fünf identisch aussehende Gehilfen assistieren ihm, was allein schon deswegen Sinn macht, weil sie – nachdem Faust, den Kwonsoo Jeon mit stupender Expressivität singt, seinen Verjüngungstrank zu sich genommen hat – ihn still und heimlich von seiner Perücke befreien, ihm einen schicken azurblauen Anzug mit weißem Hemd überstülpen und quasi im Vorübergehen noch die schöne Margarete als Traumbild vorführen können.
Also frisch in die Welt hinein mit den beiden ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Jürgen Otten
Hier und heute: Damiano Michieletto und sein Team – Paolo Fantin (Bühne), Agostino Cavalca (Kostüme) und rocafilm (das für die Videos verantwortliche Künstlerduo Roland Horvath und Carmen Zimmermann) – schließen Donizettis Dramma buffo an die Gegenwart an: Don Pasquale erfährt vom Ehevertrag der angeblich im Kloster aufgewachsenen Sofronia (hinter der sich die...
Forschend blickt Christian Gerhaher auf dem Cover dem Betrachter ins Auge, an einen aufmerksamen Psychiater gemahnend. Wer könnte der Patient sein? Robert Schumann selbst? Clara? Wohl sind die «Myrthen», op. 25, die der Komponist seiner geliebten Braut 1840 am Vorabend der Hochzeit metaphorisch ins Haar wand, «eines der schönsten je einem liebend geliebten...
Wie Schillers Schauspiel ist auch Verdis «Don Carlos» ein Liebes- und Familiendrama in den Dimensionen einer politischen Tragödie. Christof Hetzers Bühne für die Stuttgarter Neuinszenierung zeigt einen leeren, nach allen drei Seiten abgeschlossenen Raum, den der Lichtgestalter Alex Brok oft in ein diffus glimmendes Dunkel hüllt. Dominiert und strukturiert wird er...
