Gänsehaut
Er hat ja schon etwas von einer Maschine, dieser Kalaf. Wie er stählern und furchtlos der grausamen Prinzessin gegenübertritt und ohne den Schatten eines Zweifels seinen Plan durchzieht, bis sie ihm gehört. Wohl deswegen wird er häufig als Machtmensch in-
szeniert. Mariusz Trelinski will es in Warschau anders machen: Ein Intellektueller ist Kalaf, sagt er, voller Empathie, ein Poet, der Rätsel lösen kann und Turandot dazu bringen möchte, ihn freiwillig, aus Liebe, anzunehmen. So weit die Theorie.
In der Praxis gibt Kamen Chanev den Kalaf dann doch wieder als Macho: viril, in einem Hemd, das lässig aus der Hose hängt, allerdings doch schon recht spannt. Engagiertes Spiel scheint er nicht für nötig zu halten, seine Bühnenpräsenz erschöpft sich größtenteils im Hin- und Herlaufen an der Rampe. Dabei verlässt er sich auf seinen – allerdings in der Tat beeindruckenden – Prachttenor, den er wie eine Monstranz vor sich herträgt. Seine Gegenspielerin Lilla Lee, schlank mit Schlangenaugen und glatten, rubinroten Haaren, ist eine Turandot aus dem Bilderbuch, ihr scharfer Sopran bleibt im Fortissimo allerdings monochrom.
Trelinski hat beide in ein Bühnenbild gestellt, das dem ...
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Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Udo Badelt
Man kann sich bei Barrie Kosky auf einiges verlassen: seinen Hang zur Überbetonung, zum Showhaften, zum Gag. Aber mit ein bisschen Glück mischt sich zum Glamour auch die starke Geste, zum Vorlauten auch das stille Moment.
Für Letzteres ist im hannoverschen «Ring», der jetzt mit «Siegfried» in die Zielgerade einbiegt, vor allem das stumme Erda-Double zuständig:...
Darauf, dass Mozarts «Così fan tutte» eine eher bitter als heitere Komödie ist, deutet bereits der ironische Untertitel «La scuola degli amanti» hin. Hinter dem Verwechslungszauber lauert ein grausames Kammerspiel mit eisiger Desillusionierungskonsequenz – das hat sich inzwischen flächendeckend herumgesprochen. Als harmlose Buffa unter Verschweigung von Mozarts...
Die Inszenierung ist schnell vergessen, obwohl der Ansatz interessant ist. Nichts Naturalistisches, kein Krieg, kein Kino, kein deutscher Stummfilm. Dan Jemmett hat sich für einen Rummelplatz entschieden. Vor der Schießbude von Kuno & Co kommt fast ein wenig Horváth à la «Kasimir und Karoline» auf. Das anfängliche Preisschießen macht noch neugierig, auch der...
