Freunde, vernehmet die Geschichte
Die Substanz einer Oper ist das Sichtbare, nicht das Erzählbare», stellte der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus einmal kategorisch fest. Dem Opernliebhaber fallen freilich auf Anhieb etliche Szenen ein, in denen recht hemmungslos erzählt wird: Lohengrins Gralserzählung, Wotans großer Monolog im zweiten Akt der «Walküre», die Mägdeerzählung des Ochs auf Lerchenau oder auch das Vilja-Lied in der «Lustigen Witwe». Oft sind solche Passagen von zentraler Bedeutung für das Verständnis des betreffenden Werkes.
Sollten sie dennoch mit der «Substanz der Oper» nichts zu tun haben?
Vermutlich hat Dahlhaus es anders gemeint. Ein Beispiel: Im zweiten Akt der «Zauberflöte» erläutert die Königin der Nacht Pamina, ihr Vater habe den siebenfachen Sonnenkreis, Instrument und Symbol seiner Herrschaft, nicht ihr, sondern Sarastro und den Eingeweihten hinterlassen: «Mit deines Vaters Tod ging meine Macht zu Ende.» Das wirft nun einige Fragen auf: Wie konnten Sonne(nkönig) und (Königin der) Nacht in anscheinend harmonischer Ehe leben? Hat die «Nacht» sich der überlegenen «Sonne» unterworfen? Was konnte der Verlust des Sonnenkreises ihrer (dunklen) Macht anhaben (zumal sie laut Libretto zwar den ...
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