Freiheit durch Überforderung
Als ob sie das Stück nicht gerade ein halbes Dutzend Mal gespielt hätten. Doch trotz ständiger Wiedervorlage auf der Tournee, beim Konzert im eigenen Haus und mit einem Schlager wie Tschaikowskys Fünfter, lässt Kirill Petrenko bis eine Viertelstunde vor Beginn nicht locker. Proben, feilen, verfeinern, egal, ob in den Foyers des Münchner Nationaltheaters die Besucher ungeduldig werden. Interpretation als Dressur? Als Ausschalten sämtlicher Zufälle und spontaner Eingebungen? «Er lässt schon noch Luft», sagt Geiger Guido Gärtner.
«Es ist wie bei einem, der eine große Eisenbahnlandschaft aufbaut mit allen nur erdenklichen Details.» Im Ernstfall Aufführung werde dann der Zug aufs Gleis gesetzt, auf dass einer am Trafo-Regler spielen könne. «Es handelt sich um eine Extremorganisation. Aber erst die ermöglicht uns Freiheit.»
Weit, sehr weit ist das Bayerische Staatsorchester damit gekommen. Zum sechsten Mal (und vierten Mal in Folge) «Orchester des Jahres». Und dabei zum wiederholten Male ohne Parallelpreis für den Generalmusikdirektor – auch das ist eine Aussage. Der Formschub der vergangenen Jahre ist natürlich Petrenko zu verdanken, darüber herrscht Einigkeit nicht nur im Ensemble. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Jahrbuch 2017
Rubrik: Dirigent und Orchester des Jahres, Seite 48
von Markus Thiel
Seinen Stil erkennt man auf den ersten Blick. Und das liegt nicht nur an den kargen Räumen, die Anna Viebrock für Christoph Marthaler entwirft. Man erkennt ihn an der Art, wie sich Körper und Stimmen durch diese scheinbar hermetischen Landschaften bewegen. Unfertig, verloren, mitunter zum Heulen komisch wirken die Gestalten in Marthalers Theater. Und zum...
Selbstkritik ist angebracht. Schenken Kritiker dem, was mit dem unschönen deutschen Begriff «Ausstattung» umrissen ist, auf der Bühne wirklich genug Aufmerksamkeit? Setzt man den Namen des Kostümbildners nicht oft irgendwo in Klammern, allein um der lieben Vollständigkeit willen? Womöglich hat das auch etwas mit der vorherrschenden Theaterästhetik der vergangenen...
Die Klage über den Niedergang dramatischer Stimmen ist nicht neu, so wenig wie das Hohe Lied auf die Heroinen und Heroen der Vergangenheit. Eine Birgit Nilsson, ein Jon Vickers und ihresgleichen sind offenbar heute weit und breit nicht in Sicht. Dafür umso mehr Sänger, die – aus eigenem Antrieb oder vom Betrieb gedrängt – Raubbau am eigenen Material treiben....
