Formvollendet
Hätte nicht Rudolf Bing im Jahr 1958 aufgrund erheblicher Differenzen über das zu wählende Repertoire Maria Callas gefeuert, das Publikum der Met wäre schon vor mehr als 60 Jahren in den Genuss der «Medea»-Fassung mit den deutschen Rezitativen von Franz Lachner gekommen. Zwar gab es in den 1950erund 60er-Jahren einige konzertante Aufführungen dieses hybriden Werks und ab 1974 eine szenische Produktion der New York City Opera, doch für mehrere Generationen von Opernbesucherinnen und -besuchern war die aktuelle «Medea» der Met eine musikalische Offenbarung.
David McVicar und Sondra Radvanovsky setzten damit ihre Zusammenarbeit fort, die mit «Roberto Devereux» (2016) und «Norma» (2017) begonnen hatte. Carlo Rizzi erwies sich, wie schon im Fall der «Norma», am Pult des fabelhaft spielenden Hausorchesters erneut als ein idiomatisch bewanderter, umsichtig begleitender Dirigent, ohne allerdings die gesamte Spannungsbreite des Werks auszureizen.
McVicars Bühnenbild zeigt zwei unterschiedliche Spielflächen: ein niedriges Viereck, auf dem Medea, die «Fremde», und ihre Amme Neris einen Großteil der Zeit verbringen sowie ein höhergelegenes Areal mit massiven, gold-dunkelgrünen Mauern – ...
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Opernwelt 12 2022
Rubrik: Panorama, Seite 45
von David Shengold
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