Flüstern und Schreien
Heitere Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande keimen in diesem Ambiente nicht einmal ansatzweise auf. Der (fraglos unfruchtbare, ja massiv umweltverschmutzte) Schlamm auf dem Bühnenboden des Grand Théâtre de Genève ist sogar so tief, dass das Regieteam einschließlich des Dirigenten zum Schlussapplaus in Gummistiefeln erscheint, um die eigene Premierenrobe nicht zu verunreinigen.
Wenn indes Katerinas sadistischer Schwiegervater Boris aus dem düster-infernalischen Industriedesign ihre in klinisch kaltes Küchenweiß getauchte gute Stube betritt, dann putzt dieses Schwein von Mann (Dmitry Ulyanov verleiht dem üblen Patriarchen bassgeschmeidige Hinterlist) ganz brav seine Cowboyboots. Es dürfte die einzige an diesem Unort noch befolgte Anstandsregel sein. Ansonsten herrscht hier das ungeschriebene radikale Recht des Stärkeren, wie es gemeinhin dem männlichen Geschlecht zugeschrieben wird – und wie es in diesem durch enthemmte Horden von Arbeitern in dreckigen Overalls geprägten apokalyptischen Komplex keinerlei Korrektiv kennt. Boris mag der rohen Masse Mann punktuell zwar noch Einhalt zu gebieten, wenn er den Vergewaltiger der Köchin Aksinja (Julieth Lozano gibt sie entgegen dem ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Peter Krause
Choreografieren
Ihre Arbeiten stehen für Heterogenität, Offenheit und Intensität. Damit hat sich Marlene Monteiro Freitas erst als Tänzerin, dann als Choreografin international einen Namen gemacht. Am Musiktheater an der Wien inszeniert sie nun auch eine Oper: Bergs «Lulu». Wir schauen zu
Singen
Ihre Anfänge liegen im Dom zu Köln. Dort sang Anna Lucia Richter im...
Wenn seine Frau Martina ihn rief, wählte sie als Kosenamen gern die Titelfigur einer berühmten Verdi-Oper. Unzählige Male müssen die beiden «Il trovatore» gemeinsam erlebt haben; ein Stück, das für das Besetzungsbüro bekanntlich die einfache Herausforderung bereithält: Man muss für die Hauptrollen nur die vier besten Sänger der Welt engagieren, wie Enrico Caruso...
Erlösung dem Erlöser», auch das hätten die letzten Worte sein können, herabwehend aus irgendeiner Beleuchterbrücke des Nürnberger Opernhauses. Nun beschließt aber «Corriam tutti a festeggiar» die Amtszeit von Joana Mallwitz. «Le nozze di Figaro» also statt «Parsifal», der den großen Corona-Verschiebungen des fränkischen Spielplans zum Opfer gefallen ist. Genau...
