Flüstern und Schreien
Heitere Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande keimen in diesem Ambiente nicht einmal ansatzweise auf. Der (fraglos unfruchtbare, ja massiv umweltverschmutzte) Schlamm auf dem Bühnenboden des Grand Théâtre de Genève ist sogar so tief, dass das Regieteam einschließlich des Dirigenten zum Schlussapplaus in Gummistiefeln erscheint, um die eigene Premierenrobe nicht zu verunreinigen.
Wenn indes Katerinas sadistischer Schwiegervater Boris aus dem düster-infernalischen Industriedesign ihre in klinisch kaltes Küchenweiß getauchte gute Stube betritt, dann putzt dieses Schwein von Mann (Dmitry Ulyanov verleiht dem üblen Patriarchen bassgeschmeidige Hinterlist) ganz brav seine Cowboyboots. Es dürfte die einzige an diesem Unort noch befolgte Anstandsregel sein. Ansonsten herrscht hier das ungeschriebene radikale Recht des Stärkeren, wie es gemeinhin dem männlichen Geschlecht zugeschrieben wird – und wie es in diesem durch enthemmte Horden von Arbeitern in dreckigen Overalls geprägten apokalyptischen Komplex keinerlei Korrektiv kennt. Boris mag der rohen Masse Mann punktuell zwar noch Einhalt zu gebieten, wenn er den Vergewaltiger der Köchin Aksinja (Julieth Lozano gibt sie entgegen dem ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Peter Krause
Ein Mann, kein Schuss, kein Tod. So geht (sehr frei nach einem Buch des famosen und fußballbegeisterten Feuilletonisten Helmut Böttiger) Oper, wenn die Regie es will, auch in Tschaikowskys «Eugen Onegin». Also steht David Lees Lenskij, der seine letzten Worte vorher mit berührender Innigkeit gesungen hatte, einfach wieder auf, nachdem ihn Eugen Onegin (ein...
Einhundert Jahre schlief Dornröschen, die Prinzessin. Immerhin auf etwa die Hälfte brachte es Pinotta, die Waise. Doch nicht ein Prinz küsste sie wach, sondern ihr geistiger Vater – Pietro Mascagni, der Komponist dieses idillio in due atti über die Liebe dieser elternlosen Spinnereiarbeiterin zu ihrem Arbeitskollegen Baldo. 1880 hatte der damals 17-Jährige die...
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