Fleisch und Geist
Man sieht es – und erschaudert: Italien im Winter 2022, das ist eine Nation, die schon seit Jahrzehnten auf dem ökonomischen Holzpfad wandelt, die spätestens mit dem Antritt der Ministerpräsidentin Giorgia Meloni von der rechtsextremen Partei «Fratelli d’Italia» aber endgültig in der Vergangenheit angekommen ist, unabhängig davon, ob man diese nun als «postfaschistisch» oder «neofaschistisch» bezeichnet.
Über diesem Land, in dem einst die Zitronen blühten und das etliche ruhmreiche Dichter und Komponisten inspirierte, liegt nurmehr ein tiefer Schatten, und fast ist man versucht, zu sagen: Früher war alles besser.
Was die Musik angeht, gibt es daran ohnehin nur wenig Zweifel. In Italien steht die Wiege, in die man die Kunstform Oper bettete; und insbesondere mit einem Namen verbinden wir das höchste Glück: Claudio Monteverdi. Monteverdi steht nicht nur sinnbildlich für den Siegeszug des polyphonen Madrigals und die Werke der seinerzeit revolutionären «Seconda pratica», er schuf auch jene Bühnenwerke, deren unvergleichliche Idiomatik vielleicht auch und gerade wegen ihres fragmentarischen Charakters unsere Ohren bis heute zu betören imstande ist. Mit Monteverdi fängt die Geschichte ...
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Opernwelt 12 2022
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Jürgen Otten
Einen einzigen Kuss nur, «un sol bacio», wollen die Kerle erhaschen. Und das geht, weil das Entsetzen darüber explodiert, bei Mozart alles andere als gemächlich ab. Hier, im ersten Finale, rast das Bühnenpersonal musikalisch sogar davon – und lässt Vladimir Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester hinter sich zurück. Kann bei einer Premiere schon mal passieren....
Das Feuer: Zweck und Ende», schreibt Regisseur Cesare Lievi über Verdis «Il trovatore», diese «opera notturna», in der alles schon eingeäschert scheint, bevor es überhaupt beginnt. Für das Teatro del Maggio Musicale Fiorentino hat Lievi das Dramma lirico in ein aschegraues Schauermärchen mit Horrorfilmanleihen verwandelt. Krisselig-düster flimmert die Leinwand im...
Im Saal 2 des StaatenHauses in der heiligen Stadt Köln öffnet sich ein moderner Kirchenraum: Graue Sichtbetonwände begrenzen das schmucklose Interieur, erleuchtet durch gedämpftes Licht aus puristischen Hängeleuchten. Es ist ein Raum, der frösteln lässt. Man glaubt, feuchte Kühle zu spüren, irgendwie riecht es nach Kerzenwachs und gerade verflogenem Weihrauchduft....
