Faible für Abgründe
Verwandlungsfähigkeit gehört zur Berufsbeschreibung, aber nur wenige Sängerinnen gebieten darüber mit ähnlich frappierender Überzeugungskraft wie Camilla Nylund. Die Vielfalt selbst ist ihr Bühnenelixier, und wohl nie zuvor war sie so sehr in ihrem Element wie im vergangenen Jahr, als es darum ging, in einem «Tannhäuser» sowohl die Venus als auch die Elisabeth zu singen. Extreme und Experimente ziehen sie magisch an. «Ich hätte einen einfacheren Weg gehen können», sagt die finnische Sopranistin in akzentfreiem Deutsch, «doch dazu war ich zu neugierig, zu ehrgeizig.
»
Großer Ehrgeiz birgt das Risiko der Überforderung, sie weiß es. «Das Risiko muss man eingehen. Andernfalls hätte ich 2004 die Leonore in Zürich nicht gewagt, an der Seite von Jonas Kaufmann und mit Nikolaus Harnoncourt. Ich lerne durch solche Herausforderungen außerdem viel über meine Stimme. Als Salome muss sich eine Sängerin sogar trauen zu tanzen. Manche Regisseure wollen einem das ersparen, aber wenn ich die Salome singe, dann tanze ich natürlich auch mit den sieben Schleiern – oder meinetwegen mit sieben Küchentüchern wie damals in Köln.»
Mit «damals in Köln» ist eine Inszenierung von 2004 gemeint, die das Drama ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2018
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Volker Tarnow
Es war im Mai 1865, als zwei aufstrebende, noch unbekannte Künstler, die angetreten waren, ihr Jahrhundert in die Schranken zu weisen, in Genua mit einer Oper herauskamen, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte: Arrigo Boito (23) und Franco Faccio (25). Beide gehörten zur antibürgerlichen Bewegung der Scapigliati und hatten sich kein geringeres...
Oper oder Oratorium? Das ist hier nicht die Frage. Die Fakten sind eindeutig. Und besagen, dass «Saul», uraufgeführt am 16. Januar 1739 im King’s Theatre am Haymarket zu London, ein geistliches, typisch englisches Oratorium ist, in dem Georg Friedrich Händel, wie schon bei «Esther», «Deborah» und «Athalia», auf ingeniöse Weise Merkmale der italienischen Seria mit...
Als sich in England die Alte-Musik-Bewegung mit ihrem «authentischen Klangbild» zu formieren begann, lästerte der Dirigent Neville Marriner, dies sei so etwas wie eine makrobiotische Bewegung der Musikszene. Allerdings war Marriners Academy of St Martin in the Fields eines jener Ensembles, die schon davor über die romantische Konzertauffassung hinaus nach...
