Erotische Gebete
Dreihundert Mélodies hat Jules Massenet komponiert, mehr als jeder andere Komponist zwischen Berlioz und Poulenc. Dennoch nimmt er in der Geschichte des französischen Lieds nur einen Randplatz ein. Gewiss, mit der großen Liedlyrik von Duparc, Fauré oder Debussy kann er sich nicht messen. Die meisten Stücke sind Gelegenheitskompositionen, für den Salon bestimmt, schwärmerische Liebeserklärungen an Frauen.
Sei sie nun weltlicher oder spiritueller Natur, die weibliche Seele zu entziffern war das Ziel seiner Kunst: «Was gibt es anderes im Leben? Ist dieser Punkt nicht der Ursprung aller Dinge und die größte Schönheit, die unsere Existenz erhellt?» Um mittelmäßige Musik handelt es sich keinesfalls – das demonstriert diese erste Auswahl von 22 nachträglich instrumentierten Liedern, die das rührige Palazzetto Bru Zane, das bereits das komplette Lied-Œuvre von César Franck und Reynaldo Hahn auf seinem hauseigenen CD-Label präsentiert hat, jetzt vorlegt. Dass «die Fähigkeit zu gefallen, eigentlich eine Gabe ist», gestand selbst Debussy dem Kollegen neidlos zu. Massenet versteht sich nicht nur auf die Erfindung eingängiger, eleganter Melodien; er weiß die Worte im Ton geschmeidig ...
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Opernwelt 12 2022
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 32
von Uwe Schweikert
Die Dame darf getrost als «Berlinerin» gelten. Seit 1912 in der deutschen Hauptstadt und dort seit 1924 öffentlich gezeigt, hat das nicht ganz freiwillige Exil doch sprachlich ziemlich abgefärbt. Mag auch die Büste der Nofretete beharrlich schweigen, ihre pharaonische Nachfolgerin bedient sich dreieinhalb Jahrtausende später ungeniert des örtlichen Jargons. Auch in...
Ich hab’ eine Oper g’schrieben, da ist alles logisch d’rin», lässt Georg Kreisler den imaginären Komponisten seines «Opernboogies» mit dem schönen Titel «Der Ritter trifft die Ritterin unter einer Linde» behaupten. Die Frage, ob Kreislers an den Paradoxa der Oper rüttelnder Humor auch Mozart und Beethoven amüsiert hätte, erübrigt sich allein historisch. Auf jeden...
Sind das Wasserleichen, die da in diesem riesigen, hellen und mit kühlem Nass befüllten Kubus liegen? Langsam beginnen diese Wesen, sich – choreografisch wohlsortiert kreisend – in ihrem Element zu wälzen, breiten die Arme aus und lassen sie auf die Oberfläche platschen. Später bilden sie allerhand Knäuel und Klumpen, ihre Körper scheinen miteinander zu...
